— Archiv für den Tag „Sachbearbeiter” —

— Samstag, 22. Oktober 2011 —

Die Menschen dahinter – die andere Seite des Schreibtischs [ 7 Kommentare ]

Auch für die ARGE-Mitarbeiter ist das Leben nicht immer einfach. Der tägliche Umgang und die Arbeit mit den ALG-2 Empfängern verändern einen Menschen sehr durch wüste Beschimpfungen, tägliche Drohungen und sogar ausgeübte Aggressionen und tätliche Übergriffe.

Auswirkungen von Bedrohungen und Beschimpfungen

Meine bekannte Sabine (39) ist ein starker und charakterlich gefestigter Mensch, der sich gut durchsetzen kann. Nach über 15 Jahren als Sachbearbeiterin beim Hamburger Arbeitsamt konnte aber auch sie nicht mehr und gab auf. Tagtäglich hörte sie sich die teilweise ungeheuerlichsten Lügengeschichten von ALG-2 Empfängern in Bezug auf das Geld an. Als Sachbearbeiter bei der Leistungsabteilung ist eine gewisse Härte nötig, um nicht unter zugehen. Man darf sich von Drohungen und Beschimpfungen nicht einschüchtern lassen, aber irgendwann kann auch der stärkste Mensch einfach nicht mehr. Sabine hat durch ihre täglichen Einblicke in menschliche Abgründe angefangen, auch in allen anderen Menschen das potenziell Böse zu sehen – auf dem Amt und auch im privaten Umfeld.

 Irgendwann ist Schluss

Als schließlich eine Mitarbeiterin mit dem Messer bedroht wurde und die ARGE zum “Schutz” der Mitarbeiter einen Sicherheitsdienst engagierte, dann war Schluss. Der “Sicherheitsmitarbeiter” war kurz vor der Pensionierung, aber diese Alibilösung der ARGE war vermutlich die kostengünstigste. Sabine hörte nach langen Jahren beim Arbeitsamt auf und fing als Sachbearbeiterin in einem Wirtschaftsunternehmen an. Es ist eine Arbeit mit Menschen, die den Menschen auf der anderen Seite des Schreibtisches sehr verändert. Es sind viele Schicksale, die einen betroffen machen – aber auch Einblicke in Abgründe, die einen selbst verändern.

— Donnerstag, 20. Oktober 2011 —

Eine völlig sinnfreie Plauderstunde beim Arbeitsvermittler [ Keine Kommentare ]

Auch Existenzgründer werden regelmäßig vor- bzw. eingeladen, in diesem Fall lädt ein neuer Sachbearbeiter zum Gespräch. Das bedeutet Überstunden, denn selbstverständlich kommt der kluge Existenzgründer hervorragend vorbereitet und mit allen Unterlagen pünktlich zum Termin. Also werden die Unterlagen, die gerade zwecks Steuererklärung beim Steuerberater sind, extra für diesen Termin wieder abgeholt. Alle Rechnungen, die ein- oder ausgingen, werden überprüft, gegebenenfalls noch eingetragen, alle Summen, Gewinn- und Verlust nachgerechnet. Stimmt alles, gut so.

Gute zehn Minuten vor dem Termin angekommen wartet der Existenzgründer höflich bis fünf Minuten vor dem Termin, um dann anzuklopfen und anzuzeigen, dass er da ist. Der Sachbearbeiter, der sich Arbeitsvermittler nennt, telefoniert, offensichtlich privat, denn er scherzt und lacht, und winkt dem Existenzgründer ab. Pünktliche zehn Minuten später darf der Existenzgründer den Raum betreten. Der Arbeitsberater sieht mit entsetztem Blick die schwere Tasche. Der Hinweis, dass man alle Unterlagen dabei hätte und vorbereitet sei, veranlasst den Sachbearbeiter zu der Antwort: “Ach, das lassen Sie mal alles eingepackt.”

Das Gespräch beginnt mit Fragen. Ob der Existenzgründer denn die deutsche Staatsangehörigkeit besäße und auch in Deutschland geboren oder zugewandert sei. Ja, ja, nö. Der fleißige Arbeitsberater klickt angestrengt auf den Bildschirm starrend die Maus. “Und Ihre Eltern? Sind die zugewandert?” “Nö. Wieso, sollten sie besser?” Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Sachbearbeiters. Ihm fehlt ein Vorderzahn. Ach, da fiele ihm ein, er müsse fragen, ob der Existenzgründer diese Fragen überhaupt beantworten wolle, dazu sei er nicht verpflichtet. Die Angaben sind aber bereits im Computer gespeichert. Dem Existenzgründer fällt dazu nichts mehr ein.

— Mittwoch, 19. Oktober 2011 —

Weiterbildung ohne weiter und Bildung [ 2 Kommentare ]

Mit meinem ALG 2 Sachbearbeiter habe ich es gut getroffen. Ein sehr netter Mensch, verständnisvoll und ganz das Gegenteil aller anderen Sachbearbeiter, neudeutsch Fallmanager, die ich bisher hatte. Mein Sachbearbeiter immer sehr bemüht, mir das Leben nicht unnötig schwer zu machen. Dennoch kam er auf die aberwitzige Idee, ich könnte eine Weiterbildung machen. Wobei es hier weniger um „weiter“ von Weiterkommen und um „Bildung“ ging, eher um „wir packen dich jetzt mal da rein, dann bist du aus der offiziellen Statistik raus“.

Im Nachhinein glaube ich, dass man selbst meinen Fallmanager eingelullt hatte, was diese Maßnahme betrifft. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich landete in Hanau in der Jobfactory.

Keine Jobs am Fließband

Die Jobfactory ist nicht wirklich eine Weiterbildungsmaßnahme oder ich definiere diesen Begriff anders. Ja zugegeben, es gibt Menschen, die wissen nicht einmal, wie ein PC eingeschaltet wird. Für diese Menschen war die Maßnahme sicherlich ein kleiner Fortschritt (allerdings keiner zu einer Beschäftigung). Alle anderen haben sich gefragt, was sie da überhaupt tun.

Achtung, die Jobangebote gehen uns aus

Denn nach 8 Stunden Bewerbung schreiben täglich gehen irgendwann auch mal die Jobangebote aus. Ab und an gab es mal ein Seminar, was auch das Highlight war. Ansonsten jeden Morgen Besprechungen, welche Bewerbungen man am Vortag geschrieben hatte und wo man sich noch bewerben will.

Die Rettung in Form meines Fallmanagers

Gott sei Dank habe ich einen tollen Fallmanager, der hat mich da wieder raus gehauen, denn Weiterbildung ist was anderes. Das hat auch mein Fallmanager eingesehen. Leider hängt ihm die Arge schon wieder im Nacken, mich in eine Maßnahme zu stecken.

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