— Archiv für den Tag „Heinrich Alt” —

— Donnerstag, 13. August 2009 —

Visionen — bessere Qualifikation, Image-Aufbau und Vollbeschäftigung? [ Keine Kommentare ]

Und nun haben sie sich in der Wolle. Ring frei: Runde EINS. Auf der einen Seite Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Er beklagt, dass Betrieben nach wie vor von der Bundesagentur für Arbeit unpassende Bewerber geschickt bekommen. Auf der anderen Seite das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit: Heinrich Alt. Er vertritt die Ansicht, dass bei vielen Arbeitgebern Vorurteile gegenüber Hartz IV-Empfängern vorherrschen würden, sodass die oftmals früh aussortiert werden. Und? Wer gewinnt? Was stimmt nun? Schlimmstenfalls beides!

Milchmädchenrechnungen

480.000 offene Stellen hat die Bundesagentur für Arbeit jüngst gemeldet. Möchte man eine Milchmädchenrechnung aufmachen, so besetzt man diese 480.000 offenen Stellen flugs mit 480.000 der im Juli 2009 etwa dreieinhalb Million gemeldeten Arbeitslosen. Da wären es dann nur noch etwa drei Millionen Arbeitslose. Mal abgesehen davon, dass drei Millionen immer noch eine hohe Zahl bleibt, ist die Rechnung natürlich wirklich eine Milchmädchenrechnung. Umzüge von Arbeitslosen in Regionen mit passendem Arbeitsplatzangebot sind teilweise nötig, aber nicht realisierbar. Andererseits stimmen die geforderten und vorhandenen Qualifikationen auch nicht immer überein. Daher ist die Forderung wohl berechtigt, dass die Bundesagentur hier effizienter mit Bezug auf den Bedarf auf dem Arbeitsmarkt weiterbildet und die Vermittlung optimiert. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) verweist in der Frankfurter Rundschau darauf, dass die Vermittlung bereits viel besser geworden sei. Und er verweist darauf, dass tausende zusätzliche Stellen bei der Bundesagentur geschaffen worden seien. Das allerdings kann Probleme des Arbeitsmarktes wohl nicht lösen. Es sei denn, die Bundesagentur verabschiedet sich von seinen Vermittlungsaufgaben und wird zum Arbeitgeber im großen Stil. Das wird dann jedoch wohl eher doch nicht passieren.

Faule Arbeitslose?

Auch Heinrich Alt wird wohl nicht ganz Unrecht haben. Bereits 2007 unternahm das Forschungsinstitut „Allensbach“ eine Umfrage, um das Image von Arbeitslosen in der Bevölkerung abzuklopfen. Über die Umfrage berichtete etwa die Zeitung Focus. 61 Prozent aller Westdeutschen vertraten damals die Ansicht, dass „viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollen“. In Ostdeutschland glaubten 41 Prozent dasselbe. Es wäre geradezu höchst erstaunlich, wenn nicht der eine oder andere Personalentscheider dabei gewesen wäre. Hier wäre es irgendwie ausgesprochen schön, wenn vielleicht alle (einschließlich der Medien) ein bisschen zur Imagepflege bei Hartz IV-Empfängern beitragen würden. Es mag ja sein, dass so genannte „Schmarotzer“, die nicht arbeiten wollen oder bei Hartz IV-Bezug in Saus und Braus leben,  besonders quotenträchtig sind. Aber viele Zuschauer vergessen dabei ganz schnell, dass die eine eher kleine Gruppe bilden.

Jetzt wird alles gut!

Jetzt aber wird alles gut? Frank-Walter Steinmeier will Kanzler werden und bis 2020 insgesamt vier Millionen Arbeitsplätze schaffen (siehe z.B. Focus). „Vollbeschäftigung“ heißt das Zauberwort, das plötzlich wieder im Raum schwebt. Das weckt… viel Skepsis. Vor Bundestagswahlen beginnen Visionen zu blühen. Komischerweise welken die nach Bundestagswahlen sehr häufig ganz schnell wieder.
 

— Sonntag, 19. Juli 2009 —

Gibt’s bald gestaffeltes Arbeitslosengeld II? [ Ein Kommentar ]

Gestaffeltes Arbeitslosengeld II? Klären wir vielleicht erst einmal, worüber gestritten wird, bevor wir uns die einzelnen Meinungen zum Thema ansehen. Am 12. Juli 2009 berichtete die Zeitung „Die Welt“ über den Vorschlag von Heinrich Alt, das Arbeitslosengeld II zukünftig zu staffeln. Diejenigen Hartz IV-Empfänger, die lange Zeit in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, sollen in Zukunft im Vergleich zu Langzeitarbeitslosen höhere Hartz IV – Leistungen bekommen. Heinrich Alt ist Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, also durchaus jemand, dessen Wort einiges an Gewicht hat. Seiner Forderung liegt einerseits die Prognose steigender Arbeitslosenzahlen zugrunde. Für 2010 rechnet die Bundesagentur für Arbeit mit 750.000 neuen Arbeitslosen, von denen 450.000 auf Hartz IV angewiesen sein sollen. Andererseits betrachtet Alt seine Forderung auch als eine Forderung nach Gerechtigkeit. Wer mehr in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, müsse auch bei Hartz IV aufgrund seiner Leistung besser dastehen als andere, die seit langer Zeit von staatlicher Leistung leben. 

Ein Klima der Angst?!

Schauen wir uns die Meinungen an, die dieser Vorschlag hervorgerufen hat: Die Welt selbst sah den Vorstoß Alts in einem Kommentar als Wunsch nach einer Rolle „Rückwärts“. Er sei letztlich eine Wiedereinführung der alten Arbeitslosenhilfe unter neuem Namen. Zudem sei die Angst davor, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit  auf Hartz IV – Niveau abzurutschen, mitverantwortlich dafür, dass sich Arbeitslose schneller einen neuen Arbeitsplatz suchen. Das wirkt erst einmal wie ein positiver Effekt. Die Frage bleibt, ob wir tatsächlich solch eine angsterfüllte Gesellschaft möchten? Arbeitslos gewordene Arbeitnehmer, die Angst vor Hartz IV haben? Noch nicht arbeitslos gewordene Arbeitnehmer, die Angst davor haben, krank zu werden? Nein, auch Arbeitnehmer sind keine Engel: Wenn einige von ihnen die Chance sehen, dann machen sie blau oder entscheiden sich vielleicht auch dafür, die Arbeitssuche erst einmal langsamer anzugehen. Hier muss man vielleicht tatsächlich mehr Engagement einfordern. Ein Klima der Angst darf aus meiner Sicht aber keine Lösung sein.

Fordern und Fördern

„Fordern und Fördern“ schreibt der Kommentator in seinen Text mit Bezug auf Leistungsempfänger und verweist auf andere europäische Länder, in denen das besser funktionieren soll als in Deutschland. Aber „Fordern und Fördern“ sollte dann auch vielleicht verstärkt für Unternehmen gelten, die Zuschüsse für ihre Investitionen erhalten und dafür auch etwas mehr fürs Gemeinwohl tun sollten? Das könnte beispielsweise heißen: Arbeitsplätze schaffen. Und zwar solche, von denen man einigermaßen leben kann! Wenn etwa die Worte stimmen, mit denen der Sprecher des Erwerbslosenforums Deutschland, Martin Behrsing, in der Zeitung Neues Deutschland zitiert wird, scheinen viele Jobs derzeit diese Anforderung eher nicht zu erfüllen. Zwei Drittel aller Bezieher von ALG I Leistungen sollen Beträge erhalten, die unterhalb des Hartz IV-Satzes liegen, sagt er. Was mögen diese Leute wohl verdient haben, bevor sie arbeitslos wurden?

Regierung und Wohlfahrt gegen Alts Vorschlag

Schaut man weiter nach Kommentaren zum Vorschlag von Herrn Alt, so stößt man auf den Kommentar des Geschäftsführers vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. "Das Recht, vor unverschuldeter Armut geschützt zu werden, hat jeder in dieser Gesellschaft, nicht nur langjährige Beitragszahler" äußerte er sich im Magazin „Wohlfahrt intern“. Eine verlängerte Bezugsdauer von ALG I und ein angehobenes Niveau der Hartz IV – Sätze waren seine Vorschläge. In der Regierung stößt Alts Vorschlag ebenfalls auf Ablehnung. (siehe Welt vom 13. Juli 2009). Damit wäre die Sache wohl vorerst vom Tisch. Mal sehen, was jetzt so kommt. Wie denken Sie über die Sache?