— Archiv für den Tag „faul” —
— Dienstag, 18. August 2009 —
Beantragt ein Hartz IV Empfänger bei seinem Grundsicherungsamt bzw. der Arge Leistungen für die Erstausstattung der Wohnung, zählen dazu nicht nur Möbel und Hausrat. Der Antragsteller hat auch einen Anspruch auf ein gebrauchtes Fernsehgerät. Das Sozialgericht (SG) Frankfurt hat in seinem Urteil vom 28.05.2009 Aktenz. S 17 AS 388/06 und S 17 AS 87/08 entschieden, dass Hartz IV-Empfänger die Kosten für ein gebrauchtes Fernsehgerät nicht aus den Regelleistungen tragen müssen. Das Grundsicherungsamt muss die Kosten im Rahmen der Erstausstattung erstatten.
In der Begründung des SG Frankfurt heißt es, das 95% dieser Einkommensklasse einen Fernseher besitzt und dieser damit einen sozialüblichen Standard darstellt.
Mit diesem Urteil wird das Klischee des „faulen Hartz IV Empfängers“ wieder einmal bestätigt: Wohnung, Möbel, Hausrat und sogar der Fernseher werden vom Amt bezahlt. Jetzt kann man sich den ganzen Tag von diversen Talk-Shows berieseln lassen und hat keine Zeit für die Arbeitssuche.
Quelle: Kostenlose Urteile.de
— Mittwoch, 22. Juli 2009 —
Die Sucht nach einem kleinen bisschen Ruhm treibt ja bisweilen absonderliche Blüten und mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten dieser Sucht zu frönen. Stetig suchen irgendwelche Talkshows nach Gästen, die sich zu diesem oder jenem oder anderen Dingen äußern. Zudem bieten sich Reality-Serien als Forum an, um sich zu zeigen und nebenbei ein bisschen Geld zu verdienen. Zu diesen Reality-Serien (Doku-Soaps) gehört der Frauentausch. Da tappt dann vielleicht auch manch ein Hartz IV-Empfänger ruhmestrunken in die Falle, der die Öffentlichkeit vielleicht lieber gemieden hätte.
Frauentausch
Für diejenigen, die die Sendung „Frauentausch“ noch nicht kennen, eine kleine Erklärung: Das Grundprinzip der Sendung besteht darin, dass (meistens!) Frauen aus zwei Familien eine Zeitlang in die jeweils andere Familie ziehen und das TV dabei beobachtet, wie sich alle Beteiligten so anstellen. Damit mehr Spannung bei der ganzen Sache aufkommt, achtet die Redaktion darauf, sehr unterschiedliche Familien oder Lebensgemeinschaften zu nehmen: Freigeister auf der einen Seite, Familien mit engen Regeln auf der anderen. Großfamilie und Kleinfamilie. Oder der Transvestit aus der Lebensgemeinschaft A, der den Platz mit der Frau aus der eher bürgerlichen Familie B tauscht. Das… ist Frauentausch.
Die Geschichte von Sebastian J.
Jüngst geisterte die Geschichte von Sebastian J. durch die Medien, der gemeinsam mit seiner Frau bei der Sendung „Frauentausch“ mitgemacht hatte. So berichtete etwa die Zeitung "Express" über ihn. Ich selbst habe die Sendung nicht gesehen, deshalb nur eine Zusammenfassung dessen, was berichtet wurde: Sebastian J. soll mehrere Flachbild-Fernseher besessen haben. Er habe zudem seine Tauschfrau rumkommandiert und sich selbst nicht an der Hausarbeit beteiligt. Sollte das alles zutreffen, ist der Mann auch für mich nicht unbedingt ein Sympathieträger. Er bekam insgesamt 1.500€ für seine Teilnahme an der Doku-Soap und wurde nach der Sendung von Zuschauern angezeigt. Für mich ist das nachvollziehbar, wenngleich ich diesen Schritt wohl nicht unternommen hätte. Ich denke: Hartz IV-Empfänger sollten genug Geld zum Überleben bekommen und ob das bisher gezahlte Geld immer dafür ausreicht, bleibt fraglich. Wenn ein Hartz IV – Empfänger allerdings tatsächlich mehrere Flachbildschirm-TVs Zuhause hat, dann läuft etwas schief. Sebastian S. wurde jetzt zur Zurückgabe des RTL2-Honorars verurteilt und muss darüber hinaus 300€ Strafe zahlen, weil er seinen Nebenverdienst bei RTL2 nicht angemeldet hatte. Ich finde das OK! Und Sie?
Noch zwei Dinge…
Was mich wundert ist der Drang des Mannes, unbedingt ins Fernsehen zu wollen. Nach eigenen Angaben wäre er lieber bei "Bully sucht die starken Männer" dabei gewesen. Letztlich wurde es aber dann doch der Frauentausch. Dass jemand mit mehreren Flachbildschirmen bei Bezug von Hartz IV partout ein TV-Team zu sich nach Hause holen möchte, ist mir rätselhaft. War es das Geld, das lockte? Oder doch die Viertelstunde Superstar? (der Titel „Superstar“ wird ja mittlerweile immer wieder einmal vergeben, also scheue auch ich mich nicht, es hier zu tun). Auf der anderen Seite sehe zwar auch ich, dass sich hier ein Hartz IV – Empfänger Dinge leistete, die er sich nicht leisten sollte. Dennoch ärgere ich mich, wenn eine große deutsche Tageszeitung da wieder mit dem Begriff „Hartz IV Abzocker“ in der Schlagzeile auftaucht. Irgendwie glaube ich, die Worte „Hartz IV“ und „Abzocker“ bleiben auch unabhängig vom konkreten Fall im Gedächtnis vieler Leute kleben. Und dann sind die Worte „Hartz IV-Empfänger“ und „Abzocker“ bei noch mehr Menschen ein- und dasselbe. Selbst, wenn niemand abzockt!
Hartz IV Empfänger haben es in vielerlei Hinsicht schwer. Sie werden in fast allen Bereichen des Lebens auf ein Minimum reduziert und müssen Demütigungen, Bevormundung und Beleidigungen wegzustecken. In ihrem Leben geht es um nackte Zahlen, Bedarfsgemeinschaften und vor allem um Faulheit.
Jeder Hartz IV Empfänger ist grundsätzlich zu faul zum Arbeiten
Wäre er nicht so faul, würde er jetzt arbeiten und nicht der Allgemeinheit auf der Tasche liegen, eine sehr einfache Logik. Nach Ansicht der Mitarbeiter der ARGE sind Hartz IV Empfänger nicht nur faul, sie sind auch dumm. Dumme Menschen haben keine Ahnung von Gesetzen und deshalb kann man sie auch bei jeder Gelegenheit bedrohen. Eine Drohung klingt ungefähr so: „Wenn Sie hier falsche Angaben machen, dann kommt jemand zu Ihnen nach Hause und stellt Ihnen die Bude auf den Kopf. Dann werden wir ja sehen, ob Sie wirklich so bedürftig sind, wie Sie hier angeben!“
Weiterführende Schulen? Nein, danke!
Besonders schlimm wird die Situation für Hartz IV-Empfänger, die Kinder haben, denn Kinder gehören zu einer Bedarfsgemeinschaft und kosten somit vor allem Geld. Steht ein Kind beispielsweise kurz vor dem Abschluss der Hauptschule, dann steht für die Mitarbeiter der ARGE schon mal fest: das Kind geht in die Lehre, um die Haushaltskasse der Familie aufzufüllen. Der Einwand, das Kind habe aber eine Empfehlung für eine höhere Schule, wird vom Tisch gewischt. Nichts da, der Nachwuchs von Hartz IV-Empfängern gehört nicht aufs Gymnasium, der hat gefälligst arbeiten zu gehen.
Eltern die sich nicht einschüchtern lassen und darauf bestehen, dass ihr Kind das Abitur machen soll, müssen Zeugnisse vorlegen und jedes „ausreichend“ darin wird genüsslich kommentiert. Die Eltern, die kämpfen können und ihr Kind doch auf eine höhere Schule schicken, müssen nicht nur jede Drohung der Sachbearbeiter wegstecken können („Sie werden schon sehen, was Sie davon haben“), sondern auch viel Rückgrat beweisen.
— Montag, 23. März 2009 —
Im Februar 2007 veröffentlichte das Magazin Focus Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage, bei der die Teilnehmer befragt wurden, ob sie Arbeitslose mehrheitlich für nicht arbeitswillig halten. 57% der 1.873 Befragten in ganz Deutschland bejahten diese Frage. Das zeigt, dass Bezieher von Arbeitslosengeld I und insbesondere Hartz IV – Empfänger, die längerfristig von staatlicher Hilfe abhängig sind, doppelt Probleme haben: Sie müssen mitunter kräftig sparen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und sie sehen sich mit Ansichten konfrontiert, die ihnen Faulheit unterstellen und ihnen die Schuld an ihrer Situation geben.
Für Wirbel sorgte im Februar 2009 Philipp Mißfelder, der Vorsitzende der Jungen Union: Als "Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie" hatte er die letzte Erhöhung des Hartz 4 – Satzes bezeichnet. Auch wenn er später beteuerte, dass aus seiner Sicht viele Menschen unverschuldet zu Beziehern staatlicher Hilfe wurden und dass er Hartz4 – Empfänger nicht habe beleidigen wollen, werden viele von ihnen seine Worte als Schlag ins Gesicht empfunden haben. Die Frage bleibt, ob die Ansicht, Arbeitslose seien faul, sich durch konkrete Zahlen untermauern lassen oder nicht.
Studien und Zahlen
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) veröffentlichte in seinem Wochenbericht vom 22. Oktober 2008 Ergebnisse einer Studie im Rahmen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP). In der Umfrage wurde auch nach dem Arbeitswillen von Arbeitslosengeld II – Empfängern gefragt. Einerseits wurden dabei Einstellungen abgefragt: Nur elf Prozent der Hartz IV – Bezieher sind demnach nach eigener Aussage nicht mehr gewillt, einen Job anzunehmen. Nun hat das nur bedingt Aussagekraft, da man die Bedingungen für einen annehmbaren Job so hoch setzen könnte, dass kein realer Job in Frage kommt und man die Suche auf dem Arbeitsmarkt dennoch unterlässt. Aber immerhin 61% der im Rahmen der Studie befragten Empfänger von Hartz4 hatten kürzlich nach einem Job gesucht. Das deutet auf Aktivität hin, die dem scheinbar gängigen Klischee des ALG2 – Empfängers in seiner sozialen Hängematte noch eher widerspricht. "Hartz4 in Baden-Württemberg" heißt eine Studie, die am sechsten November 2008 vom DGB-Bezirk Baden-Württemberg und dem Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) vorgestellt wurde. Innerhalb der Studie, an der 429 Personen aus Baden-Württemberg teilnahmen, gaben
- 42,4% der Befragten an, intensiv nach Arbeit zu suchen,
- 31,7% suchten nach eigenen Angaben nur mit mäßiger Intensität,
- 16,3% antworteten auf die Frage nach Arbeitssuche, sie würden in ihrer momentanen Situation keine Arbeit suchen und
- 8,4% erklärten, die Arbeitssuche aufgegeben zu haben.
In der Gruppe derjenigen, die nur noch wenig intensiv nach Arbeit suchen, erklärten 46%, sie hätten aufgrund von vorangegangener erfolgloser Arbeitssuche resigniert. Aus der Gruppe derjenigen, die keine Arbeit mehr suchen, nannten 19% diesen Grund. Weitere genannte Gründe waren etwa die Teilnahme an Trainingsmaßnahmen, die Aussicht auf einen Job oder das Ausüben eines Ein-Euro-Jobs.
Kleines Fazit!
Die Aussage "Arbeitslose sind faul" ist ein Pauschalurteil und kann daher eigentlich nur falsch sein. Die Aussage "Arbeitslose sind mehrheitlich faul" ist etwas differenzierter: Wer jedoch genauer hinschaut, bekommt zumindest jede Menge Indizien dafür, dass auch diese Aussage nicht stimmt. Da bleibt die Frage, warum diese Ansichten derart verbreitet sind: Vielleicht wird damit die Verantwortung für die Situation nicht weniger Menschen in Deutschland auf sie selbst abgewälzt? Eventuell geschieht das, weil Probleme, über die man nachdenken müsste, ansonsten komplizierter würden? Vielleicht! Auch das ist jetzt nur Mutmaßung: Wie so Vieles, wenn es um Hartz4 geht.
Quellen und weiterführede Links:
http://www.bw.dgb.de
Angriffe auf "Hartz-IV"-Empfänger – Mißfelder will sich nicht entschuldigen
Arbeitslose gelten als faul
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/89793/08-43-3.pdf
Kommentare