— Archiv für den Tag „Fallmanager” —

— Mittwoch, 9. Oktober 2013 —

Aufruf vorm Spiegel zu verweilen! – Ein Fallmanager berichtet [ Ein Kommentar ]

Wie evtl. schon bekannt, war ich bis vor einiger Zeit qualifizierter Fallmanager im jobcenter. Nach Rückkehr aus längerer, schwerer Krankheit wurde ich dort jedoch … nun, sagen wir: entfernt. Doch darum geht es nicht. Es mag zwar schon sein, dass sich mein Blick auf die massiven Mängel und Fehlentwicklungen im ALG II – Bereich durch diese wahrlich unangenehmen Erfahrungen nochmals ein wenig schärfte – das Bewußtsein hierfür war aber ohne Zweifel schon länger vorhanden.

Als letzter Anstoß, selbst u.a. mit einem öffentlichen Blog aktiv zu werden, diente mir die unsägliche “Presse – Erklärung” der BA gegen Frau Inge Hannemann (ebenfalls eine sehr qualifizierte, mittlerweile suspendierte jobcenter – Mitarbeiterin).

Doch nun zum Konkreten. Um wirklich ganz praktisch und bundesweit “vor Ort” möglichst viele Fallmanager_innen und AV`ler_innen ein wenig zum nachdenken, zum positiven umdenken und zu kleinen oder größeren Taten zu motivieren, verfasste ich einen Aufruf. Dieser genießt auch schon eine gewisse Unterstützung.

Er ist geeignet und gedacht dazu ausgedruckt, verschickt, ausgehändigt, vermailt zu werden. An alle Mitarbeiter_innen in den jobcentern. Durch Kundinnen und Kunden / ALG II -Leistungsberechtigte und theoretisch auch durch andere Menschen. Bevor dies in möglichst hohem Maße geschehen kann, muß aber ein möglichst hoher Bekanntheitsgrad geschaffen werden. Und hier bitte ich Sie, bitte ich Euch um Prüfung und ggf. ein wenig Unterstützung. Wenn der Inhalt zusagt: bitte ausdrucken, im Internet posten, an weitere Menschen vermailen, in irgend einer Form weiter verbreiten, etc. Ich würde mich sehr darüber freuen – und bin der festen Überzeugung, dass hiermit eine gute Tat im Sinne der allgemeinen Humanität geleistet würde!

FallmangerInnen, ArbeitsvermitterInnen – KollegInnen!

Einige von Euch werde ich mit meinen Worten nicht erreichen,
zumindest nicht ihre Herzen … (vielleicht aber doch ihren Verstand).
Einigen ist recht vieles egal, einige legen es sich so zurecht, dass
Andere schuld sind, die Kunden, die Gesetze, die Chefs, …
Einigen ist es wichtig, ihre Ruhe zu haben, ein gutes Auskommen,
Versorgung für die Kinder, evtl. sogar noch ein kleiner beruflicher
Aufstieg. Das kann man verstehen.

DOCH VIELEN IST ES NICHT EGAL.

Ich kann Euch hier nur Schlagworte liefern – doch sie sind belegt (s.u.).
- Bei UNGÜNSTIGSTER Rechnung haben wir für JEDE (!) offene Stelle ZWEI
verfügbare und topmotivierte ALG II – BezieherInnen. WARUM konzentrieren
wir uns auf die Kontrolle und Sanktionierung von (angeblich) Unwilligen?

- Ein ExistenzMINIMUM kann man schon vom Begriff her nicht mehr kürzen.
Auf keinen Fall aber um 60% oder 100%. Das ist verfassungswidrig und
unmenschlich, in einem reichen Land wie unserem allemal.

- Das handling von Fallzahlen, EGV`s, Maßnahmezuweisungen,
Sanktionsquoten, Bewerbungsnachweisen, u.ä. hat schon lange das
Urkonzept vollständig verraten und wird immer sinnloser und absurder.

Schon diese wenigen Beispiele reichen völlig aus, finde ich.

 

Aufruf vorm Spiegel zu verweilen!

Wir alle wissen, dass es stimmt, was oben beschrieben wird.
Wir alle stehen am Morgen vor dem Badezimmerspiegel.
Verweilt. Schaut Euch in die Augen.
Was kann ICH tun, um das zu geben, was ich ja auch selbst bekommen will?
Was kann ICH tun, um etwas mehr Würde, etwas mehr Gerechtigkeit, etwas mehr
Menschlichkeit zurück zu bringen in die (jobcenter-) Welt?
Vielleicht etwas ganz Großes. Kündigen, Klage einreichen, etwas in dieser Art.
Vielleicht etwas anderes. Im Alltag den MENSCHEN helfen. In Teamgesprächen diskutieren.
In Foren im Internet mitreden. Leserbriefe schreiben. Mit Kollegen reden. Mit den örtlichen
Hartz IV – Gruppen / Beratungsstellen Kontakt aufnehmen. Etwas noch ganz anderes,
kreatives.

Und dann schaut wieder in den Spiegel. Ihr werdet schöner aussehen, stärker und stolzer –
versprochen! Mein Wort darauf.

 

Unterstützt von / Unterstützend für :
Marcel Kallwass, Student an der Hochschule der BA (Bundesanstalt für Arbeit).
Blog: http://kritischerkommilitone.wordpress.com/
Norbert Wiersbin , (Dipl.-Päd., Dozent und Ex – Fallmanager)
Blog: http://norbertwiersbin.de/
Inge Hannemann, z.Zt. suspendierte jobcenter – Mitarbeiterin
Blog: http://altonabloggt.wordpress.com/

 

V.i.S.d.P .: Burkhard Tomm- Bub, M.A., 67063 Ludwigshafen, Mailto: ogma1@t-online.de
(Ex – Fallmanager)
BELEGE im Blog „tombbloggt“: http://tombbloggt.blogspot.de/

 

AufrufV4-pdf

 

— Samstag, 22. Oktober 2011 —

Die Menschen dahinter – die andere Seite des Schreibtischs [ 7 Kommentare ]

Auch für die ARGE-Mitarbeiter ist das Leben nicht immer einfach. Der tägliche Umgang und die Arbeit mit den ALG-2 Empfängern verändern einen Menschen sehr durch wüste Beschimpfungen, tägliche Drohungen und sogar ausgeübte Aggressionen und tätliche Übergriffe.

Auswirkungen von Bedrohungen und Beschimpfungen

Meine bekannte Sabine (39) ist ein starker und charakterlich gefestigter Mensch, der sich gut durchsetzen kann. Nach über 15 Jahren als Sachbearbeiterin beim Hamburger Arbeitsamt konnte aber auch sie nicht mehr und gab auf. Tagtäglich hörte sie sich die teilweise ungeheuerlichsten Lügengeschichten von ALG-2 Empfängern in Bezug auf das Geld an. Als Sachbearbeiter bei der Leistungsabteilung ist eine gewisse Härte nötig, um nicht unter zugehen. Man darf sich von Drohungen und Beschimpfungen nicht einschüchtern lassen, aber irgendwann kann auch der stärkste Mensch einfach nicht mehr. Sabine hat durch ihre täglichen Einblicke in menschliche Abgründe angefangen, auch in allen anderen Menschen das potenziell Böse zu sehen – auf dem Amt und auch im privaten Umfeld.

 Irgendwann ist Schluss

Als schließlich eine Mitarbeiterin mit dem Messer bedroht wurde und die ARGE zum “Schutz” der Mitarbeiter einen Sicherheitsdienst engagierte, dann war Schluss. Der “Sicherheitsmitarbeiter” war kurz vor der Pensionierung, aber diese Alibilösung der ARGE war vermutlich die kostengünstigste. Sabine hörte nach langen Jahren beim Arbeitsamt auf und fing als Sachbearbeiterin in einem Wirtschaftsunternehmen an. Es ist eine Arbeit mit Menschen, die den Menschen auf der anderen Seite des Schreibtisches sehr verändert. Es sind viele Schicksale, die einen betroffen machen – aber auch Einblicke in Abgründe, die einen selbst verändern.

— Mittwoch, 19. Oktober 2011 —

Weiterbildung ohne weiter und Bildung [ 2 Kommentare ]

Mit meinem ALG 2 Sachbearbeiter habe ich es gut getroffen. Ein sehr netter Mensch, verständnisvoll und ganz das Gegenteil aller anderen Sachbearbeiter, neudeutsch Fallmanager, die ich bisher hatte. Mein Sachbearbeiter immer sehr bemüht, mir das Leben nicht unnötig schwer zu machen. Dennoch kam er auf die aberwitzige Idee, ich könnte eine Weiterbildung machen. Wobei es hier weniger um „weiter“ von Weiterkommen und um „Bildung“ ging, eher um „wir packen dich jetzt mal da rein, dann bist du aus der offiziellen Statistik raus“.

Im Nachhinein glaube ich, dass man selbst meinen Fallmanager eingelullt hatte, was diese Maßnahme betrifft. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich landete in Hanau in der Jobfactory.

Keine Jobs am Fließband

Die Jobfactory ist nicht wirklich eine Weiterbildungsmaßnahme oder ich definiere diesen Begriff anders. Ja zugegeben, es gibt Menschen, die wissen nicht einmal, wie ein PC eingeschaltet wird. Für diese Menschen war die Maßnahme sicherlich ein kleiner Fortschritt (allerdings keiner zu einer Beschäftigung). Alle anderen haben sich gefragt, was sie da überhaupt tun.

Achtung, die Jobangebote gehen uns aus

Denn nach 8 Stunden Bewerbung schreiben täglich gehen irgendwann auch mal die Jobangebote aus. Ab und an gab es mal ein Seminar, was auch das Highlight war. Ansonsten jeden Morgen Besprechungen, welche Bewerbungen man am Vortag geschrieben hatte und wo man sich noch bewerben will.

Die Rettung in Form meines Fallmanagers

Gott sei Dank habe ich einen tollen Fallmanager, der hat mich da wieder raus gehauen, denn Weiterbildung ist was anderes. Das hat auch mein Fallmanager eingesehen. Leider hängt ihm die Arge schon wieder im Nacken, mich in eine Maßnahme zu stecken.

Pages: 1 2 3 »