— Archiv für den Tag „Arbeitslose” —

— Freitag, 21. August 2009 —

Erstausstattung der Wohnung verfällt nicht [ 6 Kommentare ]

Hartz IV Empfänger haben Anspruch auf einen Zuschuss bei der Erstausstattung ihrer Wohnung. Dieser Anspruch ergibt sich aus dem Gesetz. Stellt ein Arbeitsloser den Antrag auf Kostenübernahme nicht sofort beim Bezug der Wohnung, darf dieser nicht verfallen. So urteilte das Bundessozialgericht Kassel am 20.08.2009 Az. B 14 AS 45/08 R.

Fall

Ein Arbeitsloser aus Berlin zog 2003 nur mit einer 15 Jahre alten Matratze in seine Wohnung ein. Erst im November 2005 stellte er den Antrag für die Erstausstattung mit Möbeln. Das zuständige Jobcenter lehnte den Antrag ab. Nur der Bedarf für eine neue Matratze, in Höhe von 50,- EUR, wurde anerkannt und ausgezahlt. Für die Anschaffung von Möbeln wurde dem Arbeitslosen lediglich ein Darlehen über 344,- EUR für gewährt.

Mit seinem Urteil hat das Bundessozialgericht dem widersprochen und das Amt zur Kostenübernahme verurteilt. Damit ist die Erstausstattung, auch längere Zeit nach dem Einzug, im Sinne der Arbeitslosen geregelt worden.

Urteil: Kostenlose Urteile.de

— Donnerstag, 13. August 2009 —

Visionen — bessere Qualifikation, Image-Aufbau und Vollbeschäftigung? [ Keine Kommentare ]

Und nun haben sie sich in der Wolle. Ring frei: Runde EINS. Auf der einen Seite Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Er beklagt, dass Betrieben nach wie vor von der Bundesagentur für Arbeit unpassende Bewerber geschickt bekommen. Auf der anderen Seite das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit: Heinrich Alt. Er vertritt die Ansicht, dass bei vielen Arbeitgebern Vorurteile gegenüber Hartz IV-Empfängern vorherrschen würden, sodass die oftmals früh aussortiert werden. Und? Wer gewinnt? Was stimmt nun? Schlimmstenfalls beides!

Milchmädchenrechnungen

480.000 offene Stellen hat die Bundesagentur für Arbeit jüngst gemeldet. Möchte man eine Milchmädchenrechnung aufmachen, so besetzt man diese 480.000 offenen Stellen flugs mit 480.000 der im Juli 2009 etwa dreieinhalb Million gemeldeten Arbeitslosen. Da wären es dann nur noch etwa drei Millionen Arbeitslose. Mal abgesehen davon, dass drei Millionen immer noch eine hohe Zahl bleibt, ist die Rechnung natürlich wirklich eine Milchmädchenrechnung. Umzüge von Arbeitslosen in Regionen mit passendem Arbeitsplatzangebot sind teilweise nötig, aber nicht realisierbar. Andererseits stimmen die geforderten und vorhandenen Qualifikationen auch nicht immer überein. Daher ist die Forderung wohl berechtigt, dass die Bundesagentur hier effizienter mit Bezug auf den Bedarf auf dem Arbeitsmarkt weiterbildet und die Vermittlung optimiert. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) verweist in der Frankfurter Rundschau darauf, dass die Vermittlung bereits viel besser geworden sei. Und er verweist darauf, dass tausende zusätzliche Stellen bei der Bundesagentur geschaffen worden seien. Das allerdings kann Probleme des Arbeitsmarktes wohl nicht lösen. Es sei denn, die Bundesagentur verabschiedet sich von seinen Vermittlungsaufgaben und wird zum Arbeitgeber im großen Stil. Das wird dann jedoch wohl eher doch nicht passieren.

Faule Arbeitslose?

Auch Heinrich Alt wird wohl nicht ganz Unrecht haben. Bereits 2007 unternahm das Forschungsinstitut „Allensbach“ eine Umfrage, um das Image von Arbeitslosen in der Bevölkerung abzuklopfen. Über die Umfrage berichtete etwa die Zeitung Focus. 61 Prozent aller Westdeutschen vertraten damals die Ansicht, dass „viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollen“. In Ostdeutschland glaubten 41 Prozent dasselbe. Es wäre geradezu höchst erstaunlich, wenn nicht der eine oder andere Personalentscheider dabei gewesen wäre. Hier wäre es irgendwie ausgesprochen schön, wenn vielleicht alle (einschließlich der Medien) ein bisschen zur Imagepflege bei Hartz IV-Empfängern beitragen würden. Es mag ja sein, dass so genannte „Schmarotzer“, die nicht arbeiten wollen oder bei Hartz IV-Bezug in Saus und Braus leben,  besonders quotenträchtig sind. Aber viele Zuschauer vergessen dabei ganz schnell, dass die eine eher kleine Gruppe bilden.

Jetzt wird alles gut!

Jetzt aber wird alles gut? Frank-Walter Steinmeier will Kanzler werden und bis 2020 insgesamt vier Millionen Arbeitsplätze schaffen (siehe z.B. Focus). „Vollbeschäftigung“ heißt das Zauberwort, das plötzlich wieder im Raum schwebt. Das weckt… viel Skepsis. Vor Bundestagswahlen beginnen Visionen zu blühen. Komischerweise welken die nach Bundestagswahlen sehr häufig ganz schnell wieder.
 

— Mittwoch, 29. April 2009 —

Nicht lächeln! [ Keine Kommentare ]

 

Eine fast genauso erlebte Satire von mir ;-)

Ich begegnete Frau M. auf dem Flur.
 „Immer noch keinen Job?“, fragte sie. Ich verneinte.
 „Wird schon!“, verachtete sie mich und kniff mir aufmunternd in den Po. 
Ich machte ein zerknirschtes Gesicht. Frau M. nickte zufrieden.
 Für Frau M. existieren zwei Gruppen von Arbeitslosen: Die „Blöden“ und die „Faulen“. Gott sei Dank gehöre ich für sie zu den „Blöden“, aber… wie lange noch? Grundsätzlich kommen alle Arbeitslose in diese Kategorie, weil nur Minderbemittelte keinen der lukrativen Jobs als Computergenie, Fußballstar oder Topmanager ergattern können. Die bedauernswerten Blöden haben sich ihrer Blödheit bewusst zu sein und dauerhaft ein trauriges Gesicht zu tragen.

Sonne vertreibt Trübsal: leider!

Im Winter fiel mir das nicht schwer. Ich litt an meiner Arbeitslosigkeit, das Wetter trübte meine Stimmung, Erkältungen quälten meinen Körper und mein Leiden spiegelte sich in meinem Gesicht. Schatten unter den Augen, eingefallene Wangen, ein nervöses Zucken der Mundwinkel. Aber leider, leider wird es langsam wärmer draußen, die Sonne scheint und… letzte Woche habe ich mich beim Lächeln ertappt. Ich schaute in den Spiegel und spürte, wie das Lächeln kam, versuchte, es krampfhaft zu unterdrücken und… Umsonst! Ich lächelte. Und schämte mich dafür.

Aus Doofen werden Faule

Leute, die trotz Arbeitslosigkeit lächeln, gehören zu den Faulen. Während anständige Menschen arbeiten, tingeln sie durch die Fußgängerzonen der Stadt und… lächeln. Sie lächeln ein unverschämtes „Mir geht es gar nicht so schlecht“ Lächeln. „Zum Kotzen, so etwas“, sagt Frau M. „Diese Leute müssten wimmernd am Boden kriechen. Einen Job, bitte, bitte, einen Job. Ich zahle auch dafür!“

Arbeitslose müssen leiden!

Letzten Sonntag habe ich mir ein Eis gegönnt, drüben im Eiscafe. Als ich plötzlich Frau M. kommen sah, duckte ich mich blitzschnell zwischen die Tische. Sie sah mich nicht. Gott sei Dank.
 „Arbeitslos, aber Eis essen!“ So etwas hätte sie mir nie verziehen. „Arbeitslos, aber atmen. Unverschämte Kerle. Arbeitslos, aber f…cken, ferkeln, Fagott spielen… so weit ist es gekommen!“
 Jeder Arbeitslose, der nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit nicht mindestens einen versuchten Selbstmord aus Verzweiflung und eine Karriere als Alkoholiker vorzuweisen hat, hat es mit seiner Jobsuche niemals ernst gemeint. Verkommenes Subjekt!

Wie man richtig Trübsal bläst!

Um Frau M. zu beruhigen, trage ich seit einigen Wochen ein Schild auf der Stirn. „Ich finde keine Arbeit. Ich bin schlecht und mir geht es schlecht!“ Eine Weile gab sie sich damit zufrieden. Aber in letzter Zeit schaute sie mich manchmal argwöhnisch an. Ich schlage mir jetzt jeden Morgen mit dem Hammer auf den Fuß, um ein wirklich leidvolles Gesicht zu bekommen. Sie misstraut mir trotzdem.
„Wer Arbeit sucht, der findet Arbeit“, sagte sie letzte Woche zum Beispiel und erklärte mir, was sie damit meinte: „Gerade in der heutigen Zeit, in der Geld nicht mehr locker sitzt, braucht man Leute, die auch nach tausend zugeschlagenen Türen nicht aufgeben und ihren Mitmenschen Versicherungen, Zeitungen, Heizkissen und Eisbeinwärmer verkaufen. Oder… man kann als Hilfspolizist arbeiten und das Gesindel aus den U-Bahnstationen treiben, diese faulen Säcke, die mit ihrem Aussehen die Städte beschmutzen, die koksen, dealen, Kinder stehlen und ihre Frühstücksflocken nie aufessen und die im Grunde auch Hilfspolizisten werden sollten und könnten, wenn sie nur wollten. Arbeit gibt es genug!“

Lösungen, die nicht funktionieren

Erst dachte ich „Recht hat sie, die gute Frau“ und begann, mich zur Strafe selbst zu geißeln. Dann aber dachte ich nochmals nach. So einfach war die Sache nicht. Wenn nämlich das ganze Gesindel Hilfspolizei würde, dann gäbe es eines Tages nur noch Hilfspolizisten, aber kein koksendes, dealendes, Kinder stehlendes und Frühstücksflocken verschmähendes Gesindel mehr, was zu Entlassungen im Sicherheitsdienst und steigender Arbeitslosigkeit führen würde. Die entlassenen Leute müsste man dann wieder als Gesindel einstellen, um weiteren Entlassungen vorzubeugen. Sowas kostet! Ich bewunderte meinen Scharfsinn und beschloss, mir die Daumenschraube wieder abzunehmen.  Mittlerweile fällt es mir immer schwerer, mich vor Frau M. zu verteidigen. Letztens habe ich geweint, um sie davon zu überzeugen, dass ich mich nicht dauerhaft in meiner Arbeitslosigkeit einrichten möchte. Ich habe laut geklagt, geschrien, meinen Kopf gegen die Wand geschlagen, aber sie glaubte mir nicht wirklich und… sie wird es vielleicht nie wieder tun, denn… Kruzifix! Ich muss schon wieder lächeln!!!
 

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