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— Mittwoch, 22. Juli 2009 —

Auffliegen beim Frauentausch [ 2 Kommentare ]

 Die Sucht nach einem kleinen bisschen Ruhm treibt ja bisweilen absonderliche Blüten und mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten dieser Sucht zu frönen. Stetig suchen irgendwelche Talkshows nach Gästen, die sich zu diesem oder jenem oder anderen Dingen äußern. Zudem bieten sich Reality-Serien als Forum an, um sich zu zeigen und nebenbei ein bisschen Geld zu verdienen. Zu diesen Reality-Serien (Doku-Soaps) gehört der Frauentausch. Da tappt dann vielleicht auch manch ein Hartz IV-Empfänger ruhmestrunken in die Falle, der die Öffentlichkeit vielleicht lieber gemieden hätte.

Frauentausch

Für diejenigen, die die Sendung „Frauentausch“ noch nicht kennen, eine kleine Erklärung: Das Grundprinzip der Sendung besteht darin, dass (meistens!) Frauen aus zwei Familien eine Zeitlang in die jeweils andere Familie ziehen und das TV dabei beobachtet, wie sich alle Beteiligten so anstellen. Damit mehr Spannung bei der ganzen Sache aufkommt, achtet die Redaktion darauf, sehr unterschiedliche Familien oder Lebensgemeinschaften zu nehmen: Freigeister auf der einen Seite, Familien mit engen Regeln auf der anderen. Großfamilie und Kleinfamilie. Oder der Transvestit aus der Lebensgemeinschaft A, der den Platz mit der Frau aus der eher bürgerlichen Familie B tauscht. Das… ist Frauentausch.

Die Geschichte von Sebastian J.

Jüngst geisterte die Geschichte von Sebastian J. durch die Medien, der gemeinsam mit seiner Frau bei der Sendung „Frauentausch“ mitgemacht hatte. So berichtete etwa die Zeitung "Express" über ihn. Ich selbst habe die Sendung nicht gesehen, deshalb nur eine Zusammenfassung dessen, was berichtet wurde: Sebastian J. soll mehrere Flachbild-Fernseher besessen haben. Er habe zudem seine Tauschfrau rumkommandiert und sich selbst nicht an der Hausarbeit beteiligt. Sollte das alles zutreffen, ist der Mann auch für mich nicht unbedingt ein Sympathieträger. Er bekam insgesamt 1.500€ für seine Teilnahme an der Doku-Soap und wurde nach der Sendung von Zuschauern angezeigt. Für mich ist das nachvollziehbar, wenngleich ich diesen Schritt wohl nicht unternommen hätte. Ich denke: Hartz IV-Empfänger sollten genug Geld zum Überleben bekommen und ob das bisher gezahlte Geld immer dafür ausreicht, bleibt fraglich. Wenn ein Hartz IV – Empfänger allerdings tatsächlich mehrere Flachbildschirm-TVs Zuhause hat, dann läuft etwas schief. Sebastian S. wurde jetzt zur Zurückgabe des RTL2-Honorars verurteilt und muss darüber hinaus 300€ Strafe zahlen, weil er seinen Nebenverdienst bei RTL2 nicht angemeldet hatte. Ich finde das OK! Und Sie?

Noch zwei Dinge…

Was mich wundert ist der Drang des Mannes, unbedingt ins Fernsehen zu wollen. Nach eigenen Angaben wäre er lieber bei "Bully sucht die starken Männer" dabei gewesen. Letztlich wurde es aber dann doch der Frauentausch. Dass jemand mit mehreren Flachbildschirmen bei Bezug von Hartz IV partout ein TV-Team zu sich nach Hause holen möchte, ist mir rätselhaft. War es das Geld, das lockte? Oder doch die Viertelstunde Superstar? (der Titel „Superstar“ wird ja mittlerweile immer wieder einmal vergeben, also scheue auch ich mich nicht, es hier zu tun). Auf der anderen Seite sehe zwar auch ich, dass sich hier ein Hartz IV – Empfänger Dinge leistete, die er sich nicht leisten sollte. Dennoch ärgere ich mich, wenn eine große deutsche Tageszeitung da wieder mit dem Begriff „Hartz IV Abzocker“ in der Schlagzeile auftaucht. Irgendwie glaube ich, die Worte „Hartz IV“ und „Abzocker“ bleiben auch unabhängig vom konkreten Fall im Gedächtnis vieler Leute kleben. Und dann sind die Worte „Hartz IV-Empfänger“ und „Abzocker“ bei noch mehr Menschen ein- und dasselbe. Selbst, wenn niemand abzockt!
 

— Dienstag, 21. Juli 2009 —

Wie man lernt, dass sich Arbeit nicht lohnt! [ Ein Kommentar ]

Ein jugendliches Mädchen, fünfzehn Jahre alt, geht arbeiten. Sie sortiert, packt, nutzt den Computer und verdient dabei sechs Euro pro Stunde. Das Mädchen hat ein Ziel, das es mit der Arbeit erreicht. Sie beendet ihre Arbeit, verdient 617,88€ und kauft sich einen E-Bass von einem Teil des Geldes. Kosten: 350€. Das Mädchen ist sehr zufrieden und ja, sie ist auch ein bisschen stolz darauf, das mit dem eigenen Geld geschafft zu haben. Alles ist gut.

Ein Anreiz zum Arbeiten?

Dieser Teil der Geschichte stammt aus dem Magazin „Stern“. Der eher traurige Rest auch. Problematisch wird die Sache nämlich, weil die Mutter der jungen Frau Hartz IV – Empfängerin ist. Das bedeutet: Das Kind darf nur 100€ seines Lohns pro Monat komplett behalten. Nun könnte man sagen: Das ist OK. Das Kind lebt von Hartz IV und wenn es etwas verdient, etwas mehr als nur ein bisschen, dann sollte auch der Staat die Leistung zurückfahren. Die Frage, die der Stern allerdings stellt, ist mehr als berechtigt. Macht man einem Kind auf diese Weise deutlich, dass sich Engagement und Leistung lohnen? Gibt man ihm auf diese Weise das Gefühl, sich aus eigener Kraft etwas aufbauen zu können? In der Süddeutschen Zeitung  wurde einmal eine Beispielrechung aufgemacht. Von insgesamt 1000€ Verdient innerhalb eines Monats bleiben einem Kind aus einer Hartz IV-Familie 260€ übrig. Der Rest würde von den Hartz IV – Leistungen abgezogen. Das macht nicht unbedingt Lust auf Arbeit. Da bleibt dann die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, zumindest ein- bis zwei Ausnahmeregelungen pro Jahr zuzulassen, in denen Kinder einen höheren Anteil eines Verdienstes bei einem Ferienjob behalten könnten? „Es muss ein Anreiz bleiben, sein Geld selber zu verdienen.“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Interview mit Kinderjournalisten, das in der Welt Online veröffentlicht wurde. Rein psychologisch gesehen, könnte genau dieser Anreiz durch die bisherige Ferienjob-Regelung zunichte gemacht werden. Die Botschaft scheint zu lauten: Sei nicht allzu fleißig. Es lohnt sich nicht!
 

— Sonntag, 19. Juli 2009 —

Gibt’s bald gestaffeltes Arbeitslosengeld II? [ Ein Kommentar ]

Gestaffeltes Arbeitslosengeld II? Klären wir vielleicht erst einmal, worüber gestritten wird, bevor wir uns die einzelnen Meinungen zum Thema ansehen. Am 12. Juli 2009 berichtete die Zeitung „Die Welt“ über den Vorschlag von Heinrich Alt, das Arbeitslosengeld II zukünftig zu staffeln. Diejenigen Hartz IV-Empfänger, die lange Zeit in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, sollen in Zukunft im Vergleich zu Langzeitarbeitslosen höhere Hartz IV – Leistungen bekommen. Heinrich Alt ist Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, also durchaus jemand, dessen Wort einiges an Gewicht hat. Seiner Forderung liegt einerseits die Prognose steigender Arbeitslosenzahlen zugrunde. Für 2010 rechnet die Bundesagentur für Arbeit mit 750.000 neuen Arbeitslosen, von denen 450.000 auf Hartz IV angewiesen sein sollen. Andererseits betrachtet Alt seine Forderung auch als eine Forderung nach Gerechtigkeit. Wer mehr in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, müsse auch bei Hartz IV aufgrund seiner Leistung besser dastehen als andere, die seit langer Zeit von staatlicher Leistung leben. 

Ein Klima der Angst?!

Schauen wir uns die Meinungen an, die dieser Vorschlag hervorgerufen hat: Die Welt selbst sah den Vorstoß Alts in einem Kommentar als Wunsch nach einer Rolle „Rückwärts“. Er sei letztlich eine Wiedereinführung der alten Arbeitslosenhilfe unter neuem Namen. Zudem sei die Angst davor, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit  auf Hartz IV – Niveau abzurutschen, mitverantwortlich dafür, dass sich Arbeitslose schneller einen neuen Arbeitsplatz suchen. Das wirkt erst einmal wie ein positiver Effekt. Die Frage bleibt, ob wir tatsächlich solch eine angsterfüllte Gesellschaft möchten? Arbeitslos gewordene Arbeitnehmer, die Angst vor Hartz IV haben? Noch nicht arbeitslos gewordene Arbeitnehmer, die Angst davor haben, krank zu werden? Nein, auch Arbeitnehmer sind keine Engel: Wenn einige von ihnen die Chance sehen, dann machen sie blau oder entscheiden sich vielleicht auch dafür, die Arbeitssuche erst einmal langsamer anzugehen. Hier muss man vielleicht tatsächlich mehr Engagement einfordern. Ein Klima der Angst darf aus meiner Sicht aber keine Lösung sein.

Fordern und Fördern

„Fordern und Fördern“ schreibt der Kommentator in seinen Text mit Bezug auf Leistungsempfänger und verweist auf andere europäische Länder, in denen das besser funktionieren soll als in Deutschland. Aber „Fordern und Fördern“ sollte dann auch vielleicht verstärkt für Unternehmen gelten, die Zuschüsse für ihre Investitionen erhalten und dafür auch etwas mehr fürs Gemeinwohl tun sollten? Das könnte beispielsweise heißen: Arbeitsplätze schaffen. Und zwar solche, von denen man einigermaßen leben kann! Wenn etwa die Worte stimmen, mit denen der Sprecher des Erwerbslosenforums Deutschland, Martin Behrsing, in der Zeitung Neues Deutschland zitiert wird, scheinen viele Jobs derzeit diese Anforderung eher nicht zu erfüllen. Zwei Drittel aller Bezieher von ALG I Leistungen sollen Beträge erhalten, die unterhalb des Hartz IV-Satzes liegen, sagt er. Was mögen diese Leute wohl verdient haben, bevor sie arbeitslos wurden?

Regierung und Wohlfahrt gegen Alts Vorschlag

Schaut man weiter nach Kommentaren zum Vorschlag von Herrn Alt, so stößt man auf den Kommentar des Geschäftsführers vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. "Das Recht, vor unverschuldeter Armut geschützt zu werden, hat jeder in dieser Gesellschaft, nicht nur langjährige Beitragszahler" äußerte er sich im Magazin „Wohlfahrt intern“. Eine verlängerte Bezugsdauer von ALG I und ein angehobenes Niveau der Hartz IV – Sätze waren seine Vorschläge. In der Regierung stößt Alts Vorschlag ebenfalls auf Ablehnung. (siehe Welt vom 13. Juli 2009). Damit wäre die Sache wohl vorerst vom Tisch. Mal sehen, was jetzt so kommt. Wie denken Sie über die Sache?
 

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