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— Dienstag, 18. August 2009 —

Kontoführung als Gnadenakt? [ Keine Kommentare ]

Menschen, die in modernen Gesellschaften leben, benötigen ein Konto. Warum? Weil Lohntüten aus der Mode gekommen sind. Weil die Arge Geld auf Konten überweisen möchte. Weil Strom- und Gasanbieter, Telekommunikationsunternehmen und viele weitere Betriebe, die Leistungen gegen Geld zur Verfügung stellen, es in der Regel nicht schätzen, wenn man ihnen Bargeld persönlich vorbeibringt. Das erhöht den Verwaltungsaufwand. Ein Konto ist also etwas Existenzielles, etwas absolut Notwendiges, worauf man denkbar schlecht verzichten kann.

Die Geschichte des ehemaligen Opernsängers

Umso mehr ärgert jener kleine Teil einer Geschichte in der Süddeutschen Zeitung. In diesem kleinen Teil wird davon erzählt, wie eine Bank einem jahrelangen Privatkunden die Eröffnung eines Kontos verwehrt haben soll, weil dieser Hartz IV bezieht. Es ist wirklich nur ein kleiner Teil der spannenden Geschichte von einem ehemaligen Opernsänger. Er hat es nach jahrelanger Abhängigkeit von Hartz IV geschafft, sich mit „Pflege rund ums Haus“ selbstständig zu machen und kann nun von seinen Einnahmen leben. Eine gute Geschichte. Eine schöne Geschichte. Wenn nicht dieser kleine Teil mit der Bank da wäre. "Sie kommen aus Hartz IV – also nein" soll der Bankangestellte laut Artikel aus der Süddeutschen Zeitung gesagt haben, als jener Ex-Opernsänger ihn um Eröffnung eines Geschäftskontos bat. Bekannt wird dabei natürlich nur das, was in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. Möglicherweise hat die Sache sich doch etwas anders zu getragen, wurden im Artikel Aspekte nicht berücksichtigt, die das eigene Urteil zur Sache anders hätten ausfallen lassen? Man muss da immer etwas vorsichtig sein. Hat sich allerdings alles so und nur so, genauso zugetragen, wie es in der Süddeutschen Zeitung geschildert wurde, dann ist das beschämend: für den Bankangestellten. Und es ist ein Beispiel dafür, wie manchmal Steine in den Weg von Menschen gelegt werden, die sich aus eigener Kraft wieder hochrappeln möchten und auch die Chance dazu haben. Man braucht Kraft für den Schritt in die Selbstständigkeit. Und wenn man mit den falschen Bankangestellten konfrontiert wird, dann benötigt man doppelte Kraft.

Eine Selbstverpflichtung

Seit 1995 existiert eine Selbstverpflichtung der Banken und Sparkassen, über die beispielsweise bei Akademie.de geschrieben wird. In der Verpflichtung heißt es: "Die Bereitschaft zur Kontoführung ist grundsätzlich gegeben, unabhängig von Art und Höhe der Einkünfte, z. B. Arbeitslosengeld, Sozialhilfe. Eintragungen bei der Schufa, die auf schlechte wirtschaftliche Verhältnisse des Kunden hindeuten, sind allein kein Grund, die Führung eines Girokontos zu verweigern." Man sollte den einen oder anderen Bankangestellten und die eine oder andere Bank vielleicht an solche Dinge erinnern. Allerdings enthält die Selbstverpflichtung auch einige Ausnahmeregelungen, die Banken und andere Kreditinstitute von der Verpflichtung freisprechen. Falls man also selbst mit der Weigerung einer Bank konfrontiert wird, ein Guthabenkonto zu eröffnen, sollte man sich die ganze Geschichte einmal durchlesen. Den Wortlaut der Selbstverpflichtung findet man auch auf den Seiten des Zentralen Kreditausschusses. Das ist der Zusammenschluss der fünf führenden Spitzenverbände der deutschen Kreditwirtschaft. Auf diesen Seiten gibt es übrigens auch Kontaktadressen von Beschwerdestellen, an die man sich wenden kann. Nur für den Fall der Fälle!

— Freitag, 14. August 2009 —

Ein Fall von Sippenhaft [ Ein Kommentar ]

Sippenhaft. Das Wort hat irgendwie einen ziemlich negativen Klang. Es kann beispielsweise bedeuten, dass alle Mitglieder einer Familie zur Verantwortung gezogen werden, weil ein Mitglied der Familie aus Sicht von irgendwem etwas Unrechtes getan hat. Um konkreter zu werden: Es kann bedeuten, dass eine Arbeitslosengeld II beziehende Mutter ihre Miete nicht mehr bezahlen kann, weil ihrem volljährigen und bei ihr lebenden Sohn Verstöße gegen Auflagen der ARGE vorgeworfen werden.

Kollektivschuld

Sippenhaftung lässt sich auch als ein Teilbereich einer angenommenen Kollektivschuld bezeichnen. Schauen wir für die Definition von Kollektivschuld einmal bei Wikipedia nach. Dort steht: „Kollektivschuld bedeutet, dass die Schuld für eine Tat nicht dem einzelnen Täter (oder Tätern) zugeordnet wird, sondern einem Kollektiv, allen Angehörigen seiner Gruppe, z. B. seiner Familie, seines Volkes oder seiner Organisation.“(Quelle: Wikipedia).

Der konkrete Fall

Werfen wir einmal einen Blick auf den konkreten Fall, der in der Hamburger Morgenpost geschildert wird. Eine Mutter lebt mit ihrem 21-jährigen Sohn gemeinsam in einer Wohnung in Hamburg. Dem Sohn wird das Arbeitslosengeld II für drei Monate gesperrt, weil er bei einem Ein-Euro-Job mehrfach nicht zur Arbeit erschienen war [Im Amtsdeutsch heißen diese „Ein-Euro-Jobs“ „übrigens Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“. Ihre Rahmenbedingungen werden beispielsweise bei Wikipedia erklärt]. Die Aussage des Sohnes als Begründung für sein Fernbleiben, dass ihm das Geld für die Fahrkarte gefehlt hat, mag eine fadenscheinige Ausrede sein. Andererseits kann die Sache durchaus auch auf Tatsachen beruhen, da die Löhne bei Ein-Euro-Jobs ja nicht unbedingt üppig sind und Hartz IV-Empfänger in der Regel definitiv NICHT in Saus und Braus leben. Da dem Sohn nun die Hilfe vom Staat verwehrt wird, leidet auch die Mutter. Die Hälfte der Mietkosten, die ihr von der Arge bisher bezahlt wurden, wurde gestrichen. Sie ist von der fristlosen Kündigung bedroht.

Versuch einer Beurteilung

Der Sprecher der Arge soll die Sache so beurteiltet haben: Hätte die Mutter ihren Sohn so erzogen, dass er zuverlässiger wäre, wäre die Sache nicht passiert. Es ist sehr fragwürdig, ob das als Argument gelten darf. Immerhin hatte das Landessozialgericht Bremen-Niedersachsen in einem ähnlichen Fall entschieden, dass die Miete zur Gänze weiter zu zahlen sei, weil „Sippenhaft dem Sozialwesen fremd sei“. Aber auch ganz andere Fälle in der Vergangenheit haben gezeigt, dass Urteile von Sozialgerichten nur sehr bedingt dazu taugen, die Praxis von Argen zu ändern. Zudem ist immer wieder von Quoten die Rede, die die Argen in Deutschland zu erfüllen hätten, wenn es um Ausgaben geht. Zu lesen ist so etwas etwa in einer Nachricht der Unabhängigen Sozialberatung Bochum im Sozialticker. Das lässt zumindest den Verdacht aufkommen, Sanktionen könnten bisweilen auch etwas mit dem Wunsch nach Einsparungen zu tun haben. Aber wie gesagt: Das ist nur ein Verdacht. Doch da auch Hartz IV-Empfänger immer wieder einmal einfach so unter Verdacht stehen, gönnen wir uns solche Äußerungen an dieser Stelle einfach einmal.
 

— Donnerstag, 13. August 2009 —

Visionen — bessere Qualifikation, Image-Aufbau und Vollbeschäftigung? [ Keine Kommentare ]

Und nun haben sie sich in der Wolle. Ring frei: Runde EINS. Auf der einen Seite Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Er beklagt, dass Betrieben nach wie vor von der Bundesagentur für Arbeit unpassende Bewerber geschickt bekommen. Auf der anderen Seite das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit: Heinrich Alt. Er vertritt die Ansicht, dass bei vielen Arbeitgebern Vorurteile gegenüber Hartz IV-Empfängern vorherrschen würden, sodass die oftmals früh aussortiert werden. Und? Wer gewinnt? Was stimmt nun? Schlimmstenfalls beides!

Milchmädchenrechnungen

480.000 offene Stellen hat die Bundesagentur für Arbeit jüngst gemeldet. Möchte man eine Milchmädchenrechnung aufmachen, so besetzt man diese 480.000 offenen Stellen flugs mit 480.000 der im Juli 2009 etwa dreieinhalb Million gemeldeten Arbeitslosen. Da wären es dann nur noch etwa drei Millionen Arbeitslose. Mal abgesehen davon, dass drei Millionen immer noch eine hohe Zahl bleibt, ist die Rechnung natürlich wirklich eine Milchmädchenrechnung. Umzüge von Arbeitslosen in Regionen mit passendem Arbeitsplatzangebot sind teilweise nötig, aber nicht realisierbar. Andererseits stimmen die geforderten und vorhandenen Qualifikationen auch nicht immer überein. Daher ist die Forderung wohl berechtigt, dass die Bundesagentur hier effizienter mit Bezug auf den Bedarf auf dem Arbeitsmarkt weiterbildet und die Vermittlung optimiert. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) verweist in der Frankfurter Rundschau darauf, dass die Vermittlung bereits viel besser geworden sei. Und er verweist darauf, dass tausende zusätzliche Stellen bei der Bundesagentur geschaffen worden seien. Das allerdings kann Probleme des Arbeitsmarktes wohl nicht lösen. Es sei denn, die Bundesagentur verabschiedet sich von seinen Vermittlungsaufgaben und wird zum Arbeitgeber im großen Stil. Das wird dann jedoch wohl eher doch nicht passieren.

Faule Arbeitslose?

Auch Heinrich Alt wird wohl nicht ganz Unrecht haben. Bereits 2007 unternahm das Forschungsinstitut „Allensbach“ eine Umfrage, um das Image von Arbeitslosen in der Bevölkerung abzuklopfen. Über die Umfrage berichtete etwa die Zeitung Focus. 61 Prozent aller Westdeutschen vertraten damals die Ansicht, dass „viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollen“. In Ostdeutschland glaubten 41 Prozent dasselbe. Es wäre geradezu höchst erstaunlich, wenn nicht der eine oder andere Personalentscheider dabei gewesen wäre. Hier wäre es irgendwie ausgesprochen schön, wenn vielleicht alle (einschließlich der Medien) ein bisschen zur Imagepflege bei Hartz IV-Empfängern beitragen würden. Es mag ja sein, dass so genannte „Schmarotzer“, die nicht arbeiten wollen oder bei Hartz IV-Bezug in Saus und Braus leben,  besonders quotenträchtig sind. Aber viele Zuschauer vergessen dabei ganz schnell, dass die eine eher kleine Gruppe bilden.

Jetzt wird alles gut!

Jetzt aber wird alles gut? Frank-Walter Steinmeier will Kanzler werden und bis 2020 insgesamt vier Millionen Arbeitsplätze schaffen (siehe z.B. Focus). „Vollbeschäftigung“ heißt das Zauberwort, das plötzlich wieder im Raum schwebt. Das weckt… viel Skepsis. Vor Bundestagswahlen beginnen Visionen zu blühen. Komischerweise welken die nach Bundestagswahlen sehr häufig ganz schnell wieder.
 

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