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— Freitag, 8. Mai 2009 —

Mein Onkel, der 56-jährige Praktikant [ Ein Kommentar ]

Mein Onkel ist 56 Jahre alt und Praktikant. Seit immerhin zwei Monaten arbeitet er jetzt im Büro einer Logistikfirma. Das Ganze ist Teil einer Maßnahme der ARGE zur Wiedereingliederung in die Arbeitswelt. Mein Onkel vermutet aufgrund diverser Berichte von Arbeitskollegen (viele sind auch „erst einmal!“ nur Praktikanten!), dass die meisten nach Ablauf des Praktikums wieder zu gehen haben und dass er dazugehören wird. Und ich vermute, dass er damit Recht hat.

Eine unnütze Maßnahme

Ich frage mich, was diese Maßnahme soll? Generell habe ich ja absolut nichts dagegen, wenn man auch bei 56-jährigen die Wiedereingliederung ins Berufsleben versucht. Aber mir stellt sich irgendwie die Frage nach dem „wie“. Kann es wirklich der richtige Weg sein, sie nach einem mehrere Wochen andauernden Theorieteil einer ARGE-Maßnahme eine Praktikumsstelle suchen zu lassen, bei der die Chance auf Übernahme kaum gegeben ist? Mein Onkel hat ziemlich verzweifelt nach seiner Praktikumsstelle gesucht. Er bekam viele Absagen, bevor jene Logistikfirma dann gnädig meinte, man könne es ja einmal miteinander versuchen. (Das klang für ihn irgendwie nach: Wir nehmen auch Abfall!) Eigentlich war wohl damals schon klar, dass nach Ablauf der sechs Monate Schluss ist. Ende! Wieder Hartz IV!

Geldverschwendung

Nun könnte man denken, OK, der Kerl hat zwar keine Chance, aber er ist wenigstens mal wieder für eine Zeit ins Arbeitsleben integriert. Schön und gut! Allerdings kostet dieses „wenigstens mal wieder“ dann auch mehrere Tausend Euro an Steuergeldern. Und da wäre dann eventuell doch zu überlegen, ob das Geld nicht sinnvoller ausgegeben werden könnte. In einigen Städten existieren beispielsweise Spezial-Programme, in Aachen etwa „Krass“ (Konzept zur Reintegration älterer Arbeitsloser in Schlüsselbranchen). So etwas wäre vielleicht tatsächlich sinnvoller, als meinen Onkel mit viel jüngeren Mitbewerbern zu irgendeiner Praktikumsstelle zu zwingen (Hauptsache, du findest irgendeine Stelle!). Alternative: Wenn wirklich keine Arbeit mehr für über 55-jährige da ist, finanziert man nicht sinnlose Maßnahmen, sondern gibt den Leuten genug Geld, um einigermaßen zu überleben und lässt sie einfach in Ruhe. Mein Onkel hat 30 Jahre lang gearbeitet. Und jetzt soll er um Arbeit betteln? Bitte! Bitte behaltet mich!

— Mittwoch, 29. April 2009 —

Nicht lächeln! [ Keine Kommentare ]

 

Eine fast genauso erlebte Satire von mir ;-)

Ich begegnete Frau M. auf dem Flur.
 „Immer noch keinen Job?“, fragte sie. Ich verneinte.
 „Wird schon!“, verachtete sie mich und kniff mir aufmunternd in den Po. 
Ich machte ein zerknirschtes Gesicht. Frau M. nickte zufrieden.
 Für Frau M. existieren zwei Gruppen von Arbeitslosen: Die „Blöden“ und die „Faulen“. Gott sei Dank gehöre ich für sie zu den „Blöden“, aber… wie lange noch? Grundsätzlich kommen alle Arbeitslose in diese Kategorie, weil nur Minderbemittelte keinen der lukrativen Jobs als Computergenie, Fußballstar oder Topmanager ergattern können. Die bedauernswerten Blöden haben sich ihrer Blödheit bewusst zu sein und dauerhaft ein trauriges Gesicht zu tragen.

Sonne vertreibt Trübsal: leider!

Im Winter fiel mir das nicht schwer. Ich litt an meiner Arbeitslosigkeit, das Wetter trübte meine Stimmung, Erkältungen quälten meinen Körper und mein Leiden spiegelte sich in meinem Gesicht. Schatten unter den Augen, eingefallene Wangen, ein nervöses Zucken der Mundwinkel. Aber leider, leider wird es langsam wärmer draußen, die Sonne scheint und… letzte Woche habe ich mich beim Lächeln ertappt. Ich schaute in den Spiegel und spürte, wie das Lächeln kam, versuchte, es krampfhaft zu unterdrücken und… Umsonst! Ich lächelte. Und schämte mich dafür.

Aus Doofen werden Faule

Leute, die trotz Arbeitslosigkeit lächeln, gehören zu den Faulen. Während anständige Menschen arbeiten, tingeln sie durch die Fußgängerzonen der Stadt und… lächeln. Sie lächeln ein unverschämtes „Mir geht es gar nicht so schlecht“ Lächeln. „Zum Kotzen, so etwas“, sagt Frau M. „Diese Leute müssten wimmernd am Boden kriechen. Einen Job, bitte, bitte, einen Job. Ich zahle auch dafür!“

Arbeitslose müssen leiden!

Letzten Sonntag habe ich mir ein Eis gegönnt, drüben im Eiscafe. Als ich plötzlich Frau M. kommen sah, duckte ich mich blitzschnell zwischen die Tische. Sie sah mich nicht. Gott sei Dank.
 „Arbeitslos, aber Eis essen!“ So etwas hätte sie mir nie verziehen. „Arbeitslos, aber atmen. Unverschämte Kerle. Arbeitslos, aber f…cken, ferkeln, Fagott spielen… so weit ist es gekommen!“
 Jeder Arbeitslose, der nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit nicht mindestens einen versuchten Selbstmord aus Verzweiflung und eine Karriere als Alkoholiker vorzuweisen hat, hat es mit seiner Jobsuche niemals ernst gemeint. Verkommenes Subjekt!

Wie man richtig Trübsal bläst!

Um Frau M. zu beruhigen, trage ich seit einigen Wochen ein Schild auf der Stirn. „Ich finde keine Arbeit. Ich bin schlecht und mir geht es schlecht!“ Eine Weile gab sie sich damit zufrieden. Aber in letzter Zeit schaute sie mich manchmal argwöhnisch an. Ich schlage mir jetzt jeden Morgen mit dem Hammer auf den Fuß, um ein wirklich leidvolles Gesicht zu bekommen. Sie misstraut mir trotzdem.
„Wer Arbeit sucht, der findet Arbeit“, sagte sie letzte Woche zum Beispiel und erklärte mir, was sie damit meinte: „Gerade in der heutigen Zeit, in der Geld nicht mehr locker sitzt, braucht man Leute, die auch nach tausend zugeschlagenen Türen nicht aufgeben und ihren Mitmenschen Versicherungen, Zeitungen, Heizkissen und Eisbeinwärmer verkaufen. Oder… man kann als Hilfspolizist arbeiten und das Gesindel aus den U-Bahnstationen treiben, diese faulen Säcke, die mit ihrem Aussehen die Städte beschmutzen, die koksen, dealen, Kinder stehlen und ihre Frühstücksflocken nie aufessen und die im Grunde auch Hilfspolizisten werden sollten und könnten, wenn sie nur wollten. Arbeit gibt es genug!“

Lösungen, die nicht funktionieren

Erst dachte ich „Recht hat sie, die gute Frau“ und begann, mich zur Strafe selbst zu geißeln. Dann aber dachte ich nochmals nach. So einfach war die Sache nicht. Wenn nämlich das ganze Gesindel Hilfspolizei würde, dann gäbe es eines Tages nur noch Hilfspolizisten, aber kein koksendes, dealendes, Kinder stehlendes und Frühstücksflocken verschmähendes Gesindel mehr, was zu Entlassungen im Sicherheitsdienst und steigender Arbeitslosigkeit führen würde. Die entlassenen Leute müsste man dann wieder als Gesindel einstellen, um weiteren Entlassungen vorzubeugen. Sowas kostet! Ich bewunderte meinen Scharfsinn und beschloss, mir die Daumenschraube wieder abzunehmen.  Mittlerweile fällt es mir immer schwerer, mich vor Frau M. zu verteidigen. Letztens habe ich geweint, um sie davon zu überzeugen, dass ich mich nicht dauerhaft in meiner Arbeitslosigkeit einrichten möchte. Ich habe laut geklagt, geschrien, meinen Kopf gegen die Wand geschlagen, aber sie glaubte mir nicht wirklich und… sie wird es vielleicht nie wieder tun, denn… Kruzifix! Ich muss schon wieder lächeln!!!
 

— Montag, 27. April 2009 —

Was mich so richtig ärgert und traurig macht! [ Keine Kommentare ]

Ich erinnere mich noch gut an jene „Wetten dass“ – Sendung, in der Thomas Gottschalk Bierdosen als Hartz IV – Stelzen bezeichnet hat. Als Hartz IV – Empfänger sitzt man dann da, hört sich das an und wird irgendwie ganz klein. Wieder einmal gehört man jener Gruppe an, die alles selbst Schuld ist, die nicht arbeiten möchte, die in der sozialen Hängematte liegt und säuft, während die Anderen brav arbeiten gehen. Thomas Gottschalk hat sich entschuldigt, klar, aber was einmal gesagt wurde, kann sich nicht einfach in Luft auflösen. Es bleibt und Leuten wie mir tut es verdammt weh. Das Ganze ist ja kein Einzelfall: Wenn der Junge-Union-Vorsitzende Mißfelder eine Hartz IV – Erhöhung als Anschub für die Alkohol- und Tabakindustrie bezeichnet, wird mir schlecht. Was glaubt er denn? Mir macht es keinen Spaß, von staatlicher Hilfe zu leben. Mir macht es auch keinen Spaß, kaum etwas zum Unterhalt meiner Familie beizutragen. Und es macht mir keinen Spaß, meinen Kindern immer wieder Wünsche abzuschlagen, weil sie unsere finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Nein, wir leben nicht auf hohem Fuß, aber obwohl wir sparen, wo wir können, habe ich Angst vor jedem Gang zum Briefkasten: Welche Rechnung erwartet mich wohl dieses Mal? Welche Mahnung oder zweite Mahnung aus Verbindlichkeiten, die in Zeiten entstanden sind, als es uns besser ging?

Ich kann es nicht mehr hören!

Wenn ich all den Mist höre, der über Hartz IV – Empfänger verzapft wird, denke ich: Leute, ihr habt doch gar keine Ahnung! Es gab mal Zeiten, da war alles die Gesellschaft schuld, was immer dem Einzelnen geschah. Das war sicherlich übertrieben. Heute scheint es mir genau umgekehrt zu sein, so, als würde alle Schuld auf den Einzelnen übertragen. Du hast keine Arbeit, lebst von Hartz IV? Du bemühst dich nicht genug, du bist faul und hast keine Lust zu arbeiten. Das TV pickt sich spektakuläre Fälle heraus, in denen das tatsächlich zutrifft und ganz viele Leute denken: Genauso ist es, genauso sind alle Hartz IV – Empfänger. Ich bin nicht so, bin nicht faul, schreibe Bewerbungen, bemühe mich und dennoch habe ich bei meinem Arbeitsberater stets das Gefühl, bei einem Verhör zu sein, so als stünde ich an der Anklagebank. Ich arbeite derzeit neben Hartz IV als Kurierfahrer, Chance auf eine mögliche Umwandlung in eine Vollzeitstelle = 0. Mit jeder Absage auf eine Bewerbung bekomme ich mehr das Gefühl, wertlos zu sein. Freunde in ähnlicher Situation versuchen mich zu ermuntern, mich von dem Gedanken abzubringen, aber sie schaffen es nicht. Und dann kommen irgendwelche Medienleute, Politiker und hauen mit dem Hammer nochmals drauf. Man muss schon sehr stark sein, um all das zu ertragen. Manchmal scheint es das zu übersteigen, was ICH ertragen kann.

Leute, ihr habt echt keine Ahnung!

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