Glück & Unglück im Job – Ein Brief an Frau von der Leyen (Ministerin für Arbeit und Soziales)

Sehr geehrte Frau von der Leyen,

bitte ändern Sie etwas an unserem aktuellen System der Bundesagentur für Arbeit.

In Zeiten in denen die Begriffe „Innere Kündigung“, „Depression“ und „Burnout“ für viele Betroffene nicht nur hohle Schlagzeilen sind, ist es mir unbegreiflich wie es ein solches menschenunwürdiges System in unserem Staat überhaupt existieren kann.

Durch meine eigene, gottlob sehr kurze Erfahrung kann ich nur sagen, dass mich die die Arbeitsweise der gut geschulten Jobvermittler und deren Gesprächsführung doch sehr an Drückerkolonnen erinnert.

In den kurzen drei Wochen, die ich mit der Bundesagentur zu tun hatte ist mein Selbstwertgefühl unter Null gesunken und meine Existenzängste ums Dreifache angestiegen. Zunächst dachte ich, meine Bestrebungen zur Erzieherin umzuschulen oder in einen sozialen Beruf zu wechseln, sollte in der aktuellen Stunde von Initiativen wie „Große Zukunft mit kleinen Helden“ auf große Zustimmung meiner Jobvermittlerin stoßen, doch sie sagte mir, dass mit meinem „übrigens lückenlosen“ Lebenslauf eine solche Vermittlung unmöglich wäre, da es Ihre einzige Aufgabe sei mich möglichst schnell in eine zumutbares Beschäftigungsverhältnis zu bringen, egal, ob mich diese Arbeit dort glücklich mache oder interessiere. Sie habe keinen Einfluss darauf, welche Kunden in diesem System auf meine Unterlagen zugreifen würden und ich müsse jedes Bewerbungsgespräch und jedes Jobangebot annehmen. Ich glaube ja dies ist juristisch gesehen falsch, aber das kann ich nicht belegen.

Die maschinell erstellten Briefe, die man vom Arbeitsamt bekommt, gleichen einer richterlichen Vorladung und sind entwürdigend. Das Merkblatt für Arbeitslose möchte mich zu einem unmündigen Bürger machen, der obrigkeitstreu und ergeben in Zeiten von E-Mailverkehr und papierlosen Büros dazu nötigt, jeden Tag am Briefkasten zu stehen, um auf Post zu warten. 

Das alles weil ich mir erlaubt habe, mit meinem Lebensgefährten umzuziehen und 

deshalb ein neues Beschäftigungsfeld suche. Sagen sie es nicht, eine doppelte Haushaltsführung kommt für uns nicht in Frage, auch wenn ich das laut Merkblatt für Arbeitslose in Kauf nehmen muss.

Halten Sie das wirklich für lösungsorientiert?

Sollte ein Mensch nicht dazu ermutigt, motiviert werden und vor allem die Chance erhalten eine Anstellung zu finden, mit der er sich auch in irgendeiner Weise identifizieren kann? Ist es wirklich ein Verbrechen, einen Job zu kündigen in dem man wirklich unglücklich war und sein Glück suchen zu gehen, natürlich innerhalb eines bestimmten Rahmens?

Es scheint mir sehr kurzsichtig zu seinen einen Staat und seine Wirtschaftskraft darauf aufzubauen, Arbeitslose möglichst schnell in irgendeinem Job unterzubringen und ihnen zu suggerieren, sie sollen gefälligst froh sein, überhaupt arbeiten zu dürfen.

In den letzten Tagen habe ich oft gehört, das sei nun mal das System und ich zu empfindlich, würde das zu persönlich nehmen und solle mich anpassen, aber als Kind einer deutsch-spanischen Ehe und mit dem geschichtlichen Grundwissen beider Länder bin ich nicht gewillt meine Zivilcourage und meine wirklichen Pflichten als Christin einfach zu vergessen und hinzunehmen, dass das einfach nur das System ist.

Ich habe das Glück, nicht vom Arbeitsamt abhängig zu sein und mich so davon loseisen zu können, aber es gibt viele Menschen die diese Hilfe benötigen, die sich in diese Mühlen begeben müssen, um Engpässe, die das Leben spielt auffangen zu können.

Deshalb bitte ich sie eindringlich von Christin zu Christin, dieses System mit Ihren Beratern und Kollegen noch einmal ganz genau zu hinterfragen und der Arbeitsweise mehr auf den Grund zu gehen.

Denn schließlich sind Sie die Ministerin für Arbeit und Soziales.

Mit freundlichen Grüßen


Jessica B.


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— Kommentare —

  1. Sylvia Löhrmann hält eine Rede vor den Vereinten Nationen. Konferenzsprache Englisch. Die Delegierten aus aller Welt hören mit konzentrierten Mienen zu. Auf ihren Tischen weisen Schilder die Heimatländer aus: Afghanistan, USA oder Russland. Die Schulministerin spricht darüber, wie notwendig es für ein friedliches Miteinander sei, unterschiedliche Inte­ressen aller Beteiligten sorgfältig und sensibel abzuwägen. „Das erinnert mich an meine Arbeit als Ministerin“, lächelt sie, und die Delegierten lächeln auch.

  2. Anico K. sagt:

    Ich hatte noch nicht wirklich viel mit der Arbeitsagentur zu tun – ich werde erst in vier Wochen arbeitslos sein – aber dieser Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Nicht nur der Inhalt, auch die Form des Merkblattes für Arbeitslose ist eine Zumutung. Und ich soll unterschreiben, dass ich den Inhalt der 96 Seiten schönsten Beamtendeutsches zur Kenntnis genommen habe, bevor ich meinen Antrag auf ALG überhaupt stellen darf. Im Antrag selbst soll ich dann bis ins Kleinste all das angeben, was ich schon in einem halbstündigen Telefonat mit einer Arbeitsagentur-Mitarbeiterin besprochen habe (und was sie notiert hat). Wozu habe ich die Kundennummer? Damit trotzdem meine Daten jedes Mal neu aufgenommen werden? Damit ich möglichst viel Zeit damit verbringe, mich mit tausend Formularen auseinanderzusetzen, statt nach Stellen zu suchen? Ich bin ja mal gespannt, wie mein erster persönlicher Kontakt mit der Arbeitsagentur ablaufen wird.

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