Wer sich nicht verprügeln lassen will, wird sanktioniert !

Leipziger Verkehrsbetriebe ( LVB ) und Jobcenter Leipzig
sind sich wieder mal einig.

Übergriffe in Bus und Bahn ? Randalierende Fahrgäste trotz Kamera ? Kaputte
und beschmierte Wagen ? – Alles wird besser, denn wir haben jetzt ein
unerschöpfliches Arsenal an Billig-Arbeitskräften : Man nehme einen AGH-II –
Kandidaten und stecke ihn in einen Lehrgang.Dort lernt er unter anderem , wie
man sich in der Öffentlichkeit bewegt und beruhigend auf renitente Fahrgäste
einwirkt. Daß viele Fahrgäste gar nicht aufmucken würden, wenn man
bürgerfreundliche Fahrpreise und überschaubare Tarife hätte, wird nicht erwähnt
aber das ist auch nicht die Hauptsache. Hauptsache ist, daß ein Ventil vorhanden
ist und das Ventil heißt „ Mobilitäts-Service“ . – Diese Mitarbeiter dürfen
sechs Stunden mit täglich mit Bus oder Straßenbahn fahren, sich beleidigen und
anpöbeln lassen und geraten vielleicht auch mal in eine Schlägerei, wenn sie
Pech haben. Und Pech haben kann man zu jeder Tageszeit. Dafür gibt es ein sogenanntes
Deeskalationstraining : Abstand halten, beruhigend einwirken und
immer lächeln. Wenn es wirklich eng wird, dann zückt man sein Diensthandy
und ruft Hilfe, vorausgesetzt, der Angreifer lässt das arme Würstchen in Uni –
form auch in aller Gemütsruhe telefonieren und wartet dann ab bis die Polizei
mit dem erhobenen Zeigefinger kommt.

Ich darf beruhigen , – man ist immer zu zweit, meistens eine Dame und ein
Herr zusammen.Also muß man dann nicht nur auf seine eigenen Knochen achtgeben
sondern auch seiner Kollegin zu Hilfe kommen, wenn es Ernst wird.
Aber nicht das gleichzeitige Anrufen mit dem Diensthandy vergessen !

Wer es nicht glauben möchte : einfach mal nach „ Übergriffe in Bus und
Bahn, Leipzig“ googeln. Von Anpöbeln, Bespucken bis zum Krankenhausreif-
Schlagen, – das volle Programm. Trotz Wagenkamera und Dauerlächeln…

Hatte ich nicht vorhin eine Uniform erwähnt ? Ja, die gibt es , sogar passend
und eigentlich sehr schick. Wenn da nur nicht das kleine Problem mit den
Schuhen wäre. Diese sollten eine dunkle Farbe haben und dürfen selbst gekauft
werden wenn man leider gerade keine passenden auf Vorrat hat. Denn die
Schuhe stellt die Firma nicht. Dafür werden aber Sonnenbrillen verboten, die
sehen nach Auffassung des Unternehmens unseriös aus , es sei denn, man hat
vom Arzt einen Attest. Was aber nicht unseriös ist: Man muß einen Dienstaus –
weis mit Foto und vollständig ausgeschriebenen Namen gut sichtbar an der
Kleidung tragen, damit jeder sofort weiß daß es sich bei dem Betreffenden um
einen ALG-II-Menschen handelt und derselbige auch wie ein solcher behandelt
werden darf .

Denn in Leipzig ist es üblich, daß zu dieser „Maßnahme mit Mehraufwand-
Entschädigung“ nur ALG-II- Empfänger hinzugezogen werden. Ich darf aber
bezweifeln ob es einer altgedienten Bürotante von Personalbüro oder Projektleitung
gefallen würde, wenn man sie mit „ Hartz-4-Schlampe „ ansprechen
würde. Eine öffentliche Herabwürdigung Arbeitsloser wird also billigend in
Kauf genommen . – Noch krimineller geht es nicht ? – Doch ! – Zum Beispiel –
ein zurechtgewiesener Fahrgast liest und merkt sich den Namen. Dann kann er
sich ohne Weiteres per Meldeamt ( unter einem Vorwand…suche alten Schul –
freund…) die Anschrift erfragen. Dem Meldeamt ist nämlich der Begriff Datenschutz
völlig unbekannt sofern mit einer Auskunft Geld verdient werden kann.

…Und dann steht eines Tages ein schlecht gelaunter Mensch vor der Tür und
schwingt die Fäuste. Bedauerlich nur, wenn gerade kein Diensthandy in Reichweite
ist und man überhaupt nicht lächeln mag…

Kommen wir nun zu etwas erfreulichem : Ein Teil der Belegschaft wird auch
als Begleitservice eingesetzt. Mit einem zweitägigem Kurs in Erster Hilfe und
Umgang mit Behinderten ist man in der Lage, auf Wunsch ältere und / oder
behinderte Bürger zu Behörden-oder Arztgängen vor der Wohnung abzuholen
und zu begleiten. Ich spreche hier ausdrücklich von dem Begriff vor der
Wohnung, das ist kein Druckfehler , denn der Begleitservice darf die Wohnung
nicht betreten. Wie ein Behinderter oder älterer Bürger dann aus Sessel oder
Bett zu Rollstuhl, Gehhilfe oder Rollator kommt ist seine Sache und wenn er
auch vor meinen Augen umkippt. Wie er in den Mantel kommt darf mich auch
nichts angehen, ich muß im Treppenhaus warten !

Ist aber alles glücklich und ohne weitere Knochenbrüche abgelaufen möchte
sich vielleicht der Eine oder der Andere etwas erkenntlich zeigen, aber diese
freundliche Geste muß ich ablehnen, denn ich darf als Begleitservice nichts
annehmen, nicht einmal unterwegs einen Kaffee oder ein Brötchen.

Und weil die Obrigkeit von Haus aus mißtraisch ist werden die „ Mobil-
Mitarbeiter“ auch schön kontrolliert. Das ist recht einfach, denn jeder hat seinen
Dienstplan mit zugewiesener Kursnummer . Linie und Uhrzeit.

Habe ich etwas vergessen ? – Ja, den Lohn ! Also, das ist wirklich fürstlich !
Ganze 1.40 € kann man maximal pro Stunde verdienen, aber Abzüge sind auch
da noch möglich. Dafür darf man sich aber auch wie schon gesagt, anpöbeln,
verprügeln und auch sonst gern bevormunden lassen wo immer es auch geht.

Hat man aber erst einmal das ganze perverse Spiel durchschaut und keine
Lust mehr, sich unkontrollierbaren Gefahren auszusetzen dann erfolgt vom
Jobcenter ( in diesem Falle Leipzig ) umgehend eine Sanktionsandrohung.

Hier arbeiten – wie nicht anders zu erwarten – Leistungsträger und ( in meinem
Falle ) LVB/ LAB Hand in Hand zusammen. Nun kann man sich natürlich
fragen: Warum bezahlt man die Leute nicht einfach ordentlich und stellt sie fest
ein ? Die Antwort ist ganz einfach: Dafür ist kein Geld da, obwohl das Jobcenter
Leipzig im Jahre 2012 bewilligte sagenhafte 10 Millionen Euro , gedacht für
Arbeitsbeschaffung und Ausbildung , nicht abgerufen hatte und somit verfallen
ließ. ( auch bei GOOGLE zu finden und nachzulesen )

Im Übrigen ist im SGB II unter § 16. Absatz 3 klar und deutlich geregelt ,
daß auch bei einer Maßnahme mit Mehraufwandentschädigung vor Beginn
dieser Maßnahme von dem zuständigen Sachbearbeiter auf mögliche Gefahren
hingewiesen werden muß. Bei mir war dies nicht der Fall und ich gehe davon
aus , daß die Sachbearbeiter ihre eigenen Gesetze nicht kennen.

Wer kommt nun eigentlich auf die Idee , ALG-II-Empfänger als Kanonen –
futter und Blitzableiter zu mißbrauchen und sie potentieller Gefahr für Leib und
Leben auszusetzen ? Sind es entsprungene perverse Geisteskranke die sich als
normale Bürger tarnen ? Oder Bürokraten, die niemals mit solch einer un –
kontrollierbaren Situation in Berührung kommen ?

Meine Vermutung: Geisteskranke Bürokraten.

Thomas Schirmer

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— Kommentare —

  1. peter schaber sagt:

    Konstantin Wecker – Liebe Freunde,
    Ich bin entsetzt und schäme mich für einige Kommentare hier auf meiner Seite. Und ich bin erzürnt über die Ignoranz all derer, die so kaltherzig betonen, dass der Staat nicht von diesen Verzweifelten erpresst werden darf.
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    Von einer „kannibalischen“ Weltordnung spricht Jean Ziegler, von der „Massenvernichtung in der dritten Welt“.
    Jetzt haben wir die Chance, ein bisschen was davon wieder gut zu machen, wieder mal vertan.
    Natürlich wurde das Camp jetzt geräumt um keine Verhungernden in der Innenstadt zu haben. Der Anblick könnte ja uns nicht Hungernden am Einkaufen hindern.
    Empört euch! Solidarisiert euch!

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