Nicht lächeln!
Eine fast genauso erlebte Satire von mir ;-)
Ich begegnete Frau M. auf dem Flur.
„Immer noch keinen Job?“, fragte sie. Ich verneinte.
„Wird schon!“, verachtete sie mich und kniff mir aufmunternd in den Po.
Ich machte ein zerknirschtes Gesicht. Frau M. nickte zufrieden.
Für Frau M. existieren zwei Gruppen von Arbeitslosen: Die „Blöden“ und die „Faulen“. Gott sei Dank gehöre ich für sie zu den „Blöden“, aber… wie lange noch? Grundsätzlich kommen alle Arbeitslose in diese Kategorie, weil nur Minderbemittelte keinen der lukrativen Jobs als Computergenie, Fußballstar oder Topmanager ergattern können. Die bedauernswerten Blöden haben sich ihrer Blödheit bewusst zu sein und dauerhaft ein trauriges Gesicht zu tragen.
Sonne vertreibt Trübsal: leider!
Im Winter fiel mir das nicht schwer. Ich litt an meiner Arbeitslosigkeit, das Wetter trübte meine Stimmung, Erkältungen quälten meinen Körper und mein Leiden spiegelte sich in meinem Gesicht. Schatten unter den Augen, eingefallene Wangen, ein nervöses Zucken der Mundwinkel. Aber leider, leider wird es langsam wärmer draußen, die Sonne scheint und… letzte Woche habe ich mich beim Lächeln ertappt. Ich schaute in den Spiegel und spürte, wie das Lächeln kam, versuchte, es krampfhaft zu unterdrücken und… Umsonst! Ich lächelte. Und schämte mich dafür.
Aus Doofen werden Faule
Leute, die trotz Arbeitslosigkeit lächeln, gehören zu den Faulen. Während anständige Menschen arbeiten, tingeln sie durch die Fußgängerzonen der Stadt und… lächeln. Sie lächeln ein unverschämtes „Mir geht es gar nicht so schlecht“ Lächeln. „Zum Kotzen, so etwas“, sagt Frau M. „Diese Leute müssten wimmernd am Boden kriechen. Einen Job, bitte, bitte, einen Job. Ich zahle auch dafür!“
Arbeitslose müssen leiden!
Letzten Sonntag habe ich mir ein Eis gegönnt, drüben im Eiscafe. Als ich plötzlich Frau M. kommen sah, duckte ich mich blitzschnell zwischen die Tische. Sie sah mich nicht. Gott sei Dank.
„Arbeitslos, aber Eis essen!“ So etwas hätte sie mir nie verziehen. „Arbeitslos, aber atmen. Unverschämte Kerle. Arbeitslos, aber f…cken, ferkeln, Fagott spielen… so weit ist es gekommen!“
Jeder Arbeitslose, der nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit nicht mindestens einen versuchten Selbstmord aus Verzweiflung und eine Karriere als Alkoholiker vorzuweisen hat, hat es mit seiner Jobsuche niemals ernst gemeint. Verkommenes Subjekt!
Wie man richtig Trübsal bläst!
Um Frau M. zu beruhigen, trage ich seit einigen Wochen ein Schild auf der Stirn. „Ich finde keine Arbeit. Ich bin schlecht und mir geht es schlecht!“ Eine Weile gab sie sich damit zufrieden. Aber in letzter Zeit schaute sie mich manchmal argwöhnisch an. Ich schlage mir jetzt jeden Morgen mit dem Hammer auf den Fuß, um ein wirklich leidvolles Gesicht zu bekommen. Sie misstraut mir trotzdem.
„Wer Arbeit sucht, der findet Arbeit“, sagte sie letzte Woche zum Beispiel und erklärte mir, was sie damit meinte: „Gerade in der heutigen Zeit, in der Geld nicht mehr locker sitzt, braucht man Leute, die auch nach tausend zugeschlagenen Türen nicht aufgeben und ihren Mitmenschen Versicherungen, Zeitungen, Heizkissen und Eisbeinwärmer verkaufen. Oder… man kann als Hilfspolizist arbeiten und das Gesindel aus den U-Bahnstationen treiben, diese faulen Säcke, die mit ihrem Aussehen die Städte beschmutzen, die koksen, dealen, Kinder stehlen und ihre Frühstücksflocken nie aufessen und die im Grunde auch Hilfspolizisten werden sollten und könnten, wenn sie nur wollten. Arbeit gibt es genug!“
Lösungen, die nicht funktionieren
Erst dachte ich „Recht hat sie, die gute Frau“ und begann, mich zur Strafe selbst zu geißeln. Dann aber dachte ich nochmals nach. So einfach war die Sache nicht. Wenn nämlich das ganze Gesindel Hilfspolizei würde, dann gäbe es eines Tages nur noch Hilfspolizisten, aber kein koksendes, dealendes, Kinder stehlendes und Frühstücksflocken verschmähendes Gesindel mehr, was zu Entlassungen im Sicherheitsdienst und steigender Arbeitslosigkeit führen würde. Die entlassenen Leute müsste man dann wieder als Gesindel einstellen, um weiteren Entlassungen vorzubeugen. Sowas kostet! Ich bewunderte meinen Scharfsinn und beschloss, mir die Daumenschraube wieder abzunehmen. Mittlerweile fällt es mir immer schwerer, mich vor Frau M. zu verteidigen. Letztens habe ich geweint, um sie davon zu überzeugen, dass ich mich nicht dauerhaft in meiner Arbeitslosigkeit einrichten möchte. Ich habe laut geklagt, geschrien, meinen Kopf gegen die Wand geschlagen, aber sie glaubte mir nicht wirklich und… sie wird es vielleicht nie wieder tun, denn… Kruzifix! Ich muss schon wieder lächeln!!!





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